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Judasohr

Auricularia auricula-judae

Braune, gallertartige, ohrenförmige Fruchtkörper des Judasohrs wachsen dicht gedrängt an einem toten Holunderzweig.Foto: via iNaturalist, licensed under CC0 1.0., CC0

Auf einen Blick

Bekannt für
WaldWaldgebiet
Klassifikation
Stamm
Basidiomycota
Klasse
Agaricomycetes
Ordnung
Auriculariales
Familie
Auriculariaceae
Gattung
Auricularia
Art
Auricularia auricula-judae

Sein wissenschaftlicher Beiname auricula-judae – „Judasohr“ – geht auf die mittelalterliche Legende zurück, dass sich Judas Iskariot an einem Holunderbaum erhängt habe; die gallertartigen, ohrenförmigen Fruchtkörper des Pilzes wurden seither mit dieser Geschichte in Verbindung gebracht.

Das Judasohr (Auricularia auricula-judae) ist ein Pilz aus der Ordnung der Auriculariales innerhalb der Basidiomyceten. Er wächst auf totem oder geschwächtem Holz von Laubbäumen, vor allem an Holunder, und ist in Europa weit verbreitet.

Seine lederig-gallertartige, an ein menschliches Ohr erinnernde Form macht ihn leicht wiedererkennbar und zu einem der am längsten in Text und Volksglauben überlieferten Pilze Europas.

Fruchtkörper und Bestimmung

Am verlässlichsten lässt sich das Judasohr an seiner ohrenförmigen bis becherförmigen, gallertig-elastischen Gestalt erkennen: Der Fruchtkörper wird bis zu 9 cm breit und nur etwa 3 mm dick, sitzt seitlich am Substrat oder auf einem sehr kurzen Stiel und wirkt oft wie eine schlaffe, herabhängende Ohrmuschel. Frisch ist er zäh-gallertig und elastisch, getrocknet dagegen hart und brüchig.

Die Oberseite ist rötlich-tanfarben bis bräunlich mit einem violetten Schimmer und fein samtig behaart. Bei jungen Exemplaren ist sie glatt, mit zunehmendem Alter wird sie wellig, faltig und dunkler. Die Unterseite ist heller graubraun, glatt bis gefaltet und zeigt mitunter aderartige Strukturen, die den Ohr-Eindruck noch verstärken.

Mikroskopisch besitzt die Art wurstförmige (allantoide) Sporen von 15–22 × 5–7 µm und zylindrische, dreifach quergeteilte Basidien von 65–85 × 4–5,5 µm; die feinen Haare der Oberseite messen 100–150 µm. Gelegentlich treten völlig weiße, unpigmentierte Fruchtkörper auf, die früher als eigene Art Auricularia lactea beschrieben wurden, tatsächlich aber nur eine Farbvariante darstellen und oft neben normal gefärbten Exemplaren vorkommen.

In Europa ist nur Auricularia cerrina ähnlich, eine erst kürzlich von Eiche beschriebene Art mit dunkelgrauen bis fast schwarzen Fruchtkörpern. Die in Ostasien kultivierte Auricularia heimuer und die nordamerikanische Auricularia angiospermarum wurden lange mit dem Judasohr verwechselt, lassen sich aber mikroskopisch durch kürzere Basidien und kleinere Sporen unterscheiden.

Verbreitung und Lebensraum

Das Judasohr ist in Europa weit verbreitet, kommt aber nachweislich nicht außerhalb des Kontinents vor. Früher galt die Art als weltweit verbreitet und variabel, doch molekulargenetische Untersuchungen zeigten, dass die vermeintlich gleiche Art in Ostasien tatsächlich Auricularia heimuer beziehungsweise A. villosula ist, während in Nordamerika Auricularia angiospermarum auf Laubholz und Auricularia americana auf Nadelholz wachsen.

Als Lebensraum dient totes oder geschwächtes Holz von Laubbäumen und -sträuchern, besonders von Holunder (Sambucus nigra), daneben auch Bergahorn, Buche, Esche und Pfaffenhütchen. Nadelbäume werden nur sehr selten besiedelt. Der Pilz bevorzugt ältere Äste, lebt dort als Saprotroph an totem Holz oder als schwacher Parasit an lebendem Holz und verursacht dabei eine Weißfäule. Er wächst einzeln, in Gruppen oder büschelig zusammengedrängt.

Fruchtkörper lassen sich das ganze Jahr über finden, am häufigsten jedoch im Herbst. Monatliche Beobachtungsdaten von GBIF – reine Nachweiszahlen ohne Aussage über Häufigkeit oder Bestandsgröße – zeigen die meisten Meldungen zwischen Oktober und Januar und deutlich weniger im Sommer zwischen Juni und August, was zu den saisonalen Beobachtungen passt.

Karte der dokumentierten Nachweise von Auricularia auricula-judae
Wo die Art nachgewiesen wurde · GBIF
13.899
JanFebMärAprMaiJunJulAugSepOktNovDez
Monatliche Vorkommenszahlen · GBIF

Nutzung und Kulturgeschichte

In der Küche gilt das Judasohr als essbar, wird aber kulinarisch kaum geschätzt: Im 19. Jahrhundert galt es in Großbritannien nicht als Speisepilz, und sein Biss wurde mit „einem Radiergummi mit Knochen darin“ verglichen. In Polen dagegen wird die Art regelmäßig gegessen. Der eng verwandte Auricularia heimuer, der oft mit dem Judasohr verwechselt wird, ist fester Bestandteil der ostasiatischen Küche. Der Geschmack des Judasohrs selbst ist mild bis fade; getrocknet und wieder eingeweicht kann sich der Fruchtkörper auf das Drei- bis Vierfache seines Volumens ausdehnen, muss aber vor dem Verzehr gründlich gegart werden. Getrocknet liefert er pro 100 g etwa 1.500 Kilojoule (370 Kilokalorien), 10,6 g Eiweiß, 0,2 g Fett, 65 g Kohlenhydrate und 5,8 g Asche; frisches Fruchtfleisch besteht zu rund 90 % aus Wasser. Zu Pulver vermahlen wurde der getrocknete Pilz früher genutzt, um überschüssige Flüssigkeit in Suppen und Eintöpfen zu binden.

Über Jahrhunderte diente das Judasohr auch als Heilmittel: Der Kräuterkundige John Gerard empfahl es 1597 als Extrakt, in Milch gekocht oder in Bier eingelegt, gegen Halsschmerzen; ähnliche Anwendungen als Gurgelmittel beschrieben Carolus Clusius 1601 und John Parkinson 1640. John Pechey riet 1694 zu einem in Milch gekochten oder in Essig eingelegten Sud gegen Entzündungen von Mund, Rachen und Augen. In Schottland wurde der Pilz ebenfalls als Gurgelmittel bei Halsschmerzen verwendet, in Irland in Milch gekocht als vermeintliches Mittel gegen Gelbsucht, und wegen seiner Fähigkeit, Wasser aufzunehmen, auch als Adstringens. Noch um 1860 wurde er auf dem Londoner Covent-Garden-Markt verkauft, obwohl er zu dieser Zeit in Großbritannien nicht als Speisepilz galt.

Kulturell ist die Art vor allem durch ihren Namen bekannt: Bereits Francis Bacons Naturgeschichte Sylva Sylvarum von 1627 kannte den gallertigen Pilz samt seiner Legende. In Christopher Marlowes Theaterstück Der Jude von Malta wird auf den Judasbaum angespielt, und möglicherweise inspirierte der Pilz auch Emily Dickinsons Gedicht über den Pilz als „ultimativen Verräter“ unter den Pflanzen.

Wissenswertes

  1. Ein einziger Fruchtkörper schleudert an seiner Unterseite mehrere hunderttausend Sporen pro Stunde aus – selbst nachdem er durch Austrocknung rund 90 % seines Gewichts verloren hat, gibt er noch einzelne Sporen ab.
  2. Das Judasohr wächst mal einzeln, mal in lockeren Gruppen, mal dicht büschelig zusammengedrängt am selben Ast.
  3. Völlig weiße, unpigmentierte Fruchtkörper wurden früher als eigene Art Auricularia lactea beschrieben – heute weiß man, dass es sich nur um eine Farbvariante handelt.
  4. Der Pilz wurde schon an ungewöhnlichen Orten gefunden, etwa auf dem hölzernen Abtropfbrett eines alten Ahornholz-Spülbeckens im Londoner Stadtteil Hatton Garden.
  5. In Christopher Marlowes Theaterstück Der Jude von Malta wird auf die Legende vom Judasbaum angespielt, und der Pilz gilt als mögliche Inspiration für Emily Dickinsons Gedicht über den Pilz als „ultimativen Verräter“.
  6. Verwandte Arten der Gattung Auricularia zählen zu den am längsten kultivierten Pilzen der Welt: In China ist ihr gezielter Anbau bereits seit dem 7. Jahrhundert n. Chr. belegt.

Ökologie

Lebensraum

  • Wald
  • Waldgebiet

Fotos

20 Fotos
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Braune, gallertartige, ohrenförmige Fruchtkörper des Judasohrs wachsen dicht gedrängt an einem toten Holunderzweig.Foto: via iNaturalist, licensed under CC0 1.0., CC0

QuellenGBIFiNaturalistWikidataWikipedia