Mit ihren metallisch glänzenden, oft fast vollständig dunkel gefärbten Flügeln gehört die Calopteryx virgo zu den auffälligsten Libellen Europas. Sie ist eine Art der Prachtlibellen (Familie Calopterygidae) und bewohnt vor allem schnell fließende, sauerstoffreiche Bäche und kleine Flüsse in Wäldern.
Die Art ist in weiten Teilen Europas, Nordafrikas und Westasiens verbreitet und gilt nach Einschätzung der IUCN als nicht gefährdet. Dennoch macht sie ihre enge Bindung an naturnahe Gewässer zu einem empfindlichen Anzeiger für die Gewässerqualität – ein Grund mehr, sich näher mit ihrer Lebensweise zu beschäftigen.
Identifikation und Erscheinungsbild
Das auffälligste Merkmal der Blauflügel-Prachtlibelle sind ihre stark pigmentierten Flügel, die bei den Männchen metallisch blaugrün schillern und bei den Weibchen dunkelbraun irisieren, mit einem kleinen weißen Fleck nahe der Flügelspitze, dem sogenannten Pseudopterostigma. Der Körper erreicht eine Länge von span und die Hinterflügel messen span.
Die Libelle besitzt einen schlanken Hinterleib, kleine seitlich sitzende, halbkugelige Augen und zwei ähnlich geformte Flügelpaare mit dichtem Adernetz. Männchen zeigen einen metallisch blaugrünen Körper mit blaugrünen Augen, während Weibchen einen metallisch grünen Körper mit bronzefarbener Hinterleibsspitze aufweisen. Junge Männchen haben zunächst braune Flügel, die erst mit zunehmendem Alter die charakteristische blaue Metallicfärbung annehmen.
Die Larven sind stabförmig mit langen Beinen und erreichen im letzten Entwicklungsstadium eine Länge von span bei einem Gewicht von etwa span. Sie lassen sich an den Borsten ihrer Kiemen am Hinterleib erkennen und sind damit etwas kleiner als die Larven der nahe verwandten Gebänderten Prachtlibelle.
Von der sehr ähnlichen Gebänderten Prachtlibelle (Calopteryx splendens) unterscheidet sich die Blauflügel-Prachtlibelle vor allem durch die deutlich ausgedehntere Flügelpigmentierung der Männchen, die bei C. virgo meist fast die gesamte Flügelfläche bedeckt.
Verbreitung und Lebensraum
Die Blauflügel-Prachtlibelle ist über nahezu ganz Europa verbreitet, fehlt jedoch im Südwesten der Iberischen Halbinsel, auf den Balearen, Sardinien, Sizilien und Island. Nach Norden reicht ihr Verbreitungsgebiet bis zum Nordpolarmeer, deutlich weiter als bei der Gebänderten Prachtlibelle, nach Süden bis Marokko und Algerien. Meist bewohnt die Art tiefere Lagen, kommt aber regelmäßig bis in Höhen von rund 980 Metern vor, in den Alpen gelegentlich sogar bis 1.200 Metern.
Lebensraum sind vor allem kleine bis mittelgroße, kühle und mäßig bis schnell fließende Bäche mit nährstoffarmem Wasser, meist in unmittelbarer Waldnähe. Im Norden ihres Verbreitungsgebiets, etwa in Norwegen und Finnland, besiedelt sie auch größere Flüsse. Entscheidend ist eine hohe Sauerstoffsättigung des Wassers sowie eine Sommerdurchschnittstemperatur zwischen 13 und 18 °C; bei Temperaturen über 22 °C wurden Schäden an Larven und eine verringerte Schlupfrate der Eier beobachtet.
Die Larven halten sich bevorzugt in ruhigeren Wasserbereichen zwischen Wasserpflanzen wie Wasserpest oder Wasserhahnenfuß auf, wo sie sich festhalten können. Erwachsene Tiere sind oft auch in Waldlichtungen anzutreffen und ruhen gern auf hohen krautigen Pflanzen wie der Großen Brennnessel.
Die monatlichen Beobachtungszahlen zeigen einen deutlichen Schwerpunkt der Sichtungen in den Sommermonaten, mit einem Höhepunkt zwischen Mai und Juli, was auf die Hauptflugzeit der erwachsenen Tiere hindeutet, auch wenn solche Zahlen keine Rückschlüsse auf die tatsächliche Bestandsgröße zulassen.

Verhalten und Lebensweise
Männchen der Blauflügel-Prachtlibelle verteidigen ausgeprägte Reviere an geeigneten Eiablageplätzen, die sie von erhöhten Sitzwarten aus im Blick behalten. Die Reviergröße hängt von der Populationsdichte und der Verfügbarkeit geeigneter Lebensräume ab; bei wenigen konkurrierenden Männchen fällt die Verteidigung besonders aggressiv aus, während sie bei höherer Männchendichte nachlässt. Revierkämpfe werden vor allem durch Drohgebärden und das Spreizen der Flügel ausgetragen, bekannt als „Wing Lapping“, das vermutlich der Kommunikation dient, möglicherweise aber auch der Thermoregulation.
Adulte Tiere schlüpfen von Ende April bis Ende September, mit einem Schwerpunkt zwischen Ende Mai und Ende Juni. Nach dem Schlupf verbringen die jungen Libellen rund zehn Tage in der umgebenden Vegetation, bis ihre Flügel vollständig ausgefärbt sind, bevor sie ans Wasser zurückkehren. Erwachsene Tiere leben nur eine Saison lang, ihre Lebensdauer beträgt etwa 40 bis 50 Tage.
Mänchen bleiben meist in der Nähe ihres Reviers und bewegen sich nur etwa 20 bis 100 Meter, während Weibchen auf der Suche nach geeigneten Eiablageplätzen Strecken von bis zu 6 Kilometern am Tag zurücklegen können. Untersuchungen zeigten zudem, dass Sieger von Revierkämpfen über ein stärkeres Immunsystem und größere Fettreserven verfügten als Unterlegene, was auf einen Zusammenhang zwischen Energiereserven und Revierverhalten hindeutet.
In Gebieten, in denen die Blauflügel-Prachtlibelle gemeinsam mit der Gebänderten Prachtlibelle vorkommt, reagieren ihre Männchen aggressiver auf Artgenossen mit großen, dunklen Flügelflecken und gewinnen praktisch alle zwischenartlichen Revierkämpfe – ein Verhalten, das mit einer Verkleinerung der Flügelflecken bei Calopteryx splendens in diesen Gebieten in Verbindung gebracht wird.
Jagd und Ernährung
Die Blauflügel-Prachtlibelle jagt im Flug über und in der Nähe des Wassers, wobei sowohl Männchen als auch Weibchen während der warmen Mittagsstunden aktiv sind. Zu ihrer Beute zählen vor allem kleine Zuckmücken, darunter Arten der Gattung Corynoneura, die zu den am häufigsten erfassten Beutetieren zählen.
Als geschickte Flieger erbeuten sie ihre Insektenbeute meist direkt in der Luft oder von Vegetation in Ufernähe. Die genaue Zusammensetzung der Beute hängt stark vom jeweiligen Lebensraum und dem lokalen Insektenangebot entlang der besiedelten Bäche ab.
Fortpflanzung und Lebenszyklus
Die Paarung beginnt damit, dass Weibchen über das Wasser fliegen und dabei die Reviere der Männchen durchqueren. Ein Männchen fliegt der Weibchen entgegen und zeigt akrobatische Flugmanöver, bei denen es die auffällig hellere Unterseite der hinteren Hinterleibssegmente präsentiert. Anschließend führt es das Weibchen zu einem Eiablageplatz und umkreist die Stelle, während das Weibchen landet.
Zeigt sich das Weibchen paarungsbereit, bilden beide das typische „Paarungsrad“, das zwischen 40 Sekunden und 5 Minuten dauert. Nach der Paarung führt das Männchen das Weibchen zum Nistplatz; beide Geschlechter paaren sich mehrmals täglich über mehrere Wochen bis zu ihrem Tod.
Bei der Eiablage klettert das Weibchen – ungewöhnlich für Libellen – kopfüber an Pflanzenstängeln unter Wasser und sticht die Eier mit ihrem Ovipositor fast senkrecht in das Pflanzengewebe. Dabei kann sie bis zu 90 Minuten lang untergetaucht bleiben, während das Männchen oberhalb wartet und sie gegen andere Männchen verteidigt. Ein Weibchen kann bei einer Eiablage bis zu 300 Eier legen, die nach etwa 14 Tagen schlüpfen.
Die geschlüpften Larven entwickeln sich über zehn bis zwölf Stadien und benötigen rund zwei Jahre, bis sie zum fertigen Insekt heranreifen. Den Winter verbringen sie dabei im Schlamm oder Schlick der Gewässersohle.
Schutz und Bedrohungen
Die IUCN stuft die Blauflügel-Prachtlibelle weltweit als nicht gefährdet ein. In vielen Teilen Mitteleuropas gilt sie jedoch regional als gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht, etwa in einigen deutschen Bundesländern nach dem Roten Buch von 1998 sowie in Österreich und der Schweiz, da die Art als stenök mit sehr engen ökologischen Ansprüchen gilt und naturnahe, kaum vom Menschen beeinflusste Gewässer benötigt. In Großstädten und Industriezentren fehlt sie vollständig, und selbst in intensiv landwirtschaftlich genutzten Regionen ist sie nur selten anzutreffen.
Hauptbedrohung ist die Eutrophierung von Gewässern durch häusliches und landwirtschaftliches Abwasser, die zu Algenblüten, Sauerstoffmangel und einer veränderten Wasservegetation führt – Bedingungen, unter denen Weibchen ihre Eiablageplätze meiden und die Larven durch Algen- und Schmutzpartikel an den Kiemen ersticken können. Auch eine zu starke Verschattung durch geschlossenes Kronendach oder eine Verkrautung der Ufer durch schnellwüchsige Pflanzen wie Mädesüß, Brennnessel oder das Drüsige Springkraut kann geeignete Lebensräume unbrauchbar machen.
Kulturelle Bedeutung
Der wissenschaftliche Name Calopteryx virgo setzt sich aus dem griechischen Wort für „schöner Flügel“ und dem lateinischen Begriff „virgo“ für „Jungfrau“ zusammen, der auf die zarte Erscheinung des Körpers der Libelle anspielt.
Wissenswertes
- Der Name Calopteryx leitet sich aus dem Griechischen für „schöne Flügel“ ab, während der Artzusatz „virgo“ aus dem Lateinischen stammt und „Jungfrau“ bedeutet – ein Hinweis auf die zarte Erscheinung des Körpers.
- Zu den erfassten Beutetieren zählen zahlreiche Arten der Zuckmückengattung Corynoneura, was auf eine enge ökologische Verbindung zu kleinen, wasserlebenden Insekten hindeutet.
Fotos
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Ökologie und Klassifikation
Verhalten
- Räuber
- Territorial
- Aggressiv
- Tagaktiv
Lebensraum
Ernährung
- Insektenfresser
Klassifikation
- Stamm
- Arthropoda
- Klasse
- Insecta
- Ordnung
- Odonata
- Familie
- Calopterygidae
- Gattung
- Calopteryx
- Art
- Calopteryx virgo
Quellen
- GBIF Species names and classification
- iNaturalist Photos
- Wikidata Common names and conservation status
- Wikipedia Summary extract
- Encyclopedia of Life Habitat, diet and behavior traits
- GloBI What it eats, what eats it, parasites and pollinators
- trophiCH



