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Gemeiner Regenwurm

Lumbricus terrestris

Der Gemeine Regenwurm gehört zu den größten heimischen Regenwurmarten Westeuropas und ist heute weltweit verbreitet – teils als eingeschleppte Art, die einheimische Wurmarten verdrängt.

Als Vertreter der Familie Lumbricidae innerhalb der Ringelwürmer lebt er in Böden gemäßigter Regionen. Seine unauffällige Lebensweise verbirgt eine enorme ökologische Bedeutung für die Bodenbildung.

Identifikation und Erscheinungsbild

Das auffälligste Merkmal ist die kräftige, rötlich-braune Färbung, die zum Kopfende hin dunkler wird und nach hinten verblasst. Der Körper ist zylindrisch, nur das hintere Ende ist abgeflacht und verbreitert.

Ausgewachsene Tiere erreichen eine Länge von 110 bis 200 Millimetern und einen Durchmesser von 7 bis 10 Millimetern. Der Körper besteht aus etwa 120 bis 170 Segmenten, meist zwischen 135 und 150.

Der Wurm bewegt sich mittels eines hydrostatischen Skeletts durch abwechselnde Längs- und Ringmuskelkontraktionen. Kleine, haarähnliche Borsten, die Setae, verschaffen ihm zusammen mit Schleim Halt im Boden. Auf feuchtem, flachem Untergrund wurden Kriechgeschwindigkeiten von etwa 20 Metern pro Stunde beobachtet.

Besonders nach starkem Regen tauchen oft viele Tiere an der Oberfläche auf, etwa in städtischen Grünflächen. Dies wird häufig als Fluchtreaktion vor überfluteten Gängen gedeutet, doch da der Wurm auch wochenlang in sauerstoffreichem Wasser überleben kann, dürfte eher die Ressourcenverfügbarkeit oder das Vermeiden von Paarungen mit nahen Verwandten der Grund sein.

Verbreitung und Lebensraum

Der Gemeine Regenwurm besiedelt vor allem gemäßigte Böden und ist heute nahezu weltweit anzutreffen. Beobachtungsdaten zeigen saisonale Schwankungen in der Häufigkeit der Sichtungen, wobei diese lediglich das Auftreten und nicht die tatsächliche Bestandsgröße widerspiegeln.

Die monatlichen Beobachtungszahlen deuten auf einen deutlichen Anstieg im Frühjahr hin, mit einem Höhepunkt etwa im April, gefolgt von einem allmählichen Rückgang zum Herbst und Winter hin. Dies lässt vorsichtig auf eine erhöhte Oberflächenaktivität in den feuchten, milden Frühjahrsmonaten schließen.

Karte der dokumentierten Nachweise von Lumbricus terrestris
Wo die Art nachgewiesen wurde · GBIF
2.214
JanFebMärAprMaiJunJulAugSepOktNovDez
Monatliche Vorkommenszahlen · GBIF

Ernährung und Nahrung

Der Gemeine Regenwurm ernährt sich hauptsächlich von abgestorbenen Blättern auf dem Boden sowie organischem Material im oberen Mineralboden. Dabei bevorzugt er Laub mit hohem Kalzium- und vermutlich auch Stickstoffgehalt.

Besonders gern gefressen werden Blätter von Winterlinde, Esche und Espe, gefolgt von Zucker-Ahorn und anderen Ahornarten. Eichenlaub wird wegen seines geringeren Kalziumgehalts weniger bevorzugt, aber dennoch gefressen, wenn kalziumreichere Alternativen fehlen.

Neben pflanzlichem Material verzehrt der Wurm gelegentlich auch tote Insekten, Bodenmikroorganismen und Kot.

Fortpflanzung und Lebenszyklus

Lumbricus terrestris ist ein zwittriger Organismus, der sich dennoch ausschließlich zweigeschlechtlich fortpflanzt: Zwei Individuen tauschen bei der Paarung wechselseitig Spermien aus. Die Kopulation findet an der Bodenoberfläche statt, wobei beide Partner mit ihrem Hinterende in ihren jeweiligen Gängen verankert bleiben. Vor der eigentlichen Paarung besuchen sich benachbarte Würmer wiederholt gegenseitig in ihren Gängen.

Die Paarung erfolgt relativ häufig, etwa alle 7 bis 11 Tage. Dabei spielen die relative Größe des Partners, die Entfernung zu möglichen Partnern und das Risiko, an die Oberfläche gezogen zu werden, eine wichtige Rolle im Paarungsverhalten.

Die Spermien können bis zu acht Monate gespeichert werden, und ein Wurm kann nach der Paarung bis zu zwölf Monate lang Kokons produzieren. Die Befruchtung findet im Kokon statt, der in einer kleinen Kammer im Boden neben dem elterlichen Gang abgelegt wird. Nach einigen Wochen schlüpfen die Jungwürmer und beginnen sofort, sich im Boden zu ernähren.

Junge Würmer graben zunächst keine senkrechten Gänge, wie sie für erwachsene Tiere typisch sind. Die Geschlechtsreife wird erst im zweiten Lebensjahr erreicht, wobei ein Mindestalter von einem Jahr für die volle Entwicklung nötig ist. In Gefangenschaft wurden Individuen bis zu sechs Jahre alt.

Bestand und ökologische Rolle

Als anözischer, tiefgrabender Regenwurm zieht Lumbricus terrestris organisches Material von der Oberfläche in tiefere Bodenschichten und hinterlässt an der Oberfläche Losungshäufchen aus organischem und mineralischem Material. Dadurch verändert er aktiv den Aufbau von Bodenprofilen – etwa in Podsol-Böden, deren typische Schichtung er durch seine Grab- und Mischtätigkeit zerstören kann.

Die Aktivität des Wurms wird stark von Temperatur und Feuchtigkeit gesteuert: Hohe Nachttemperaturen, trockener Boden und heiße Sommer treiben ihn in tiefere Bodenschichten zurück, während er in maritimen Klimazonen auch im Winter aktiv bleiben kann.

Durch seine Grabtätigkeit beeinflusst der Wurm Bodenpilze und schafft charakteristische Mikrohabitate, sogenannte Middens, die die Verteilung von Laubstreu und darauf lebenden Kleintieren prägen. Seine Losungen fördern zudem die Wurzelentwicklung von Pflanzen. In Teilen des atlantischen Nordwesteuropas ist die Art durch die eingeschleppten neuseeländischen und australischen Plattwürmer, die sich fast ausschließlich von Regenwürmern ernähren, örtlich gefährdet – mit Folgen für die Bodenbelüftung und -struktur in betroffenen Gebieten.

Wissenswertes

  1. Lumbricus terrestris verbessert durch seine Grabtätigkeit die Bodenbelüftung, den Nährstoffkreislauf und die Stickstoffrückführung im Boden.
  2. Der Wurm hat sogar literarische Spuren hinterlassen: Die Dichterin Rosemerry Wahtola Trommer widmete ihm ein Gedicht mit dem Titel Lumbricus Terrestris.
  3. Obwohl er in Westeuropa heimisch ist, gilt er in manchen eingeschleppten Regionen als Problemart, da er dort einheimische Wurmarten verdrängt.

Fotos

Fotos von via iNaturalist, licensed under CC0 1.0., by Maxton Strait via iNaturalist, licensed under CC BY 4.0., by Nicole Kearney via iNaturalist, licensed under CC BY 4.0., by Katie Ling via iNaturalist, licensed under CC BY 4.0., by Zakqary Roy via iNaturalist, licensed under CC BY 4.0., by Ken Lange via iNaturalist, licensed under CC BY 4.0., by Полина Полежанкина via iNaturalist, licensed under CC BY 4.0. und by Ciprian Samoilă via iNaturalist, licensed under CC BY 4.0., mit Namensnennung bei jedem Bild.

Ökologie und Klassifikation

Verhalten

  • Nachtaktiv
  • Grabend

Klassifikation

Stamm
Annelida
Klasse
Clitellata
Ordnung
Crassiclitellata
Familie
Lumbricidae
Gattung
Lumbricus
Art
Lumbricus terrestris

Quellen

  1. GBIF Species names and classification
  2. iNaturalist Photos
  3. Wikidata Common names and conservation status
  4. Wikipedia Summary extract