Mit rund 500 Millionen Neuronen besitzt der Gewöhnliche Krake (Octopus vulgaris) ein Nervensystem, das ihn zu einem der intelligentesten wirbellosen Tiere macht.
Der Octopus vulgaris gehört zur Klasse der Kopffüßer (Cephalopoda) und lebt im östlichen Atlantik vom Mittelmeer, dem Schwarzen Meer und der Südküste Englands bis zur Südküste Südafrikas, ebenso vor den Azoren, den Kanaren und Kap Verde. Auch im westlichen Atlantik ist er weit verbreitet. Die Art gilt nach IUCN als nicht gefährdet.
Sein außergewöhnliches Lernvermögen, seine Fähigkeit zur Tarnung und sein kurzes, intensives Leben machen ihn zu einem der am besten erforschten Kraken überhaupt.
Identifikation und Erscheinungsbild
Das auffälligste Merkmal des Gewöhnlichen Kraken ist seine Fähigkeit, Farbe, Hauttextur und Körperhaltung blitzschnell zu verändern, um mit dem Untergrund zu verschmelzen – eine Tarnkunst, die kaum eine andere Kopffüßerart erreicht.
Der Mantel erreicht eine Länge von bis zu 25 Zentimetern, die Arme können bis zu einem Meter lang werden. Ausgewachsene Tiere können bis zu 9 Kilogramm wiegen, leben aber meist nur ein bis zwei Jahre.
Mit seinem Schnabel kann er Schalen von Muscheln und Schnecken aufbrechen, zusätzlich setzt er Gift ein, um Beute zu betäuben. Seine Sehschärfe erlaubt es ihm, Helligkeit, Größe, Form sowie horizontale und vertikale Ausrichtung von Objekten zu unterscheiden.
Besonders bemerkenswert ist sein Verhalten, kleine „Gärten“ anzulegen: Er sammelt Meerespflanzen, Algen, Muschelschalen und Steine um seinen Unterschlupf – ein Verhalten, das angeblich den Beatles-Titel „Octopus's Garden“ inspiriert haben soll.
Verbreitung und Lebensraum
Der Gewöhnliche Krake besiedelt tropische, subtropische und gemäßigte Gewässer weltweit, von der Oberfläche bis in Tiefen von 100 bis 150 Metern. In Polar- und Subpolarregionen fehlt er vollständig.
Bevorzugt lebt er auf felsigem Grund in flachen Küstengewässern und im oberen Bereich des Kontinentalschelfs, meist nicht tiefer als 200 Meter. Er toleriert Salzgehalte zwischen etwa 30 und 45 Gramm pro Liter, wobei er rund 36 Gramm pro Liter bevorzugt. Seine Wohlfühltemperatur liegt bei etwa 15 bis 16 Grad Celsius; in besonders warmen Jahreszeiten zieht er sich in tiefere, kühlere Wasserschichten zurück.
Da er sich meist in einem Unterschlupf verbirgt und nur wenig Körperfläche dem offenen Wasser aussetzt, ist seine Häufigkeit stark an den Meeresboden gebunden; mit zunehmender Tiefe nimmt sie deutlich ab und ist am Rand des Kontinentalschelfs nahezu null.
Beobachtungsdaten zeigen über das Jahr verteilt eine Häufung in den Sommermonaten, was auf eine erhöhte Präsenz in Küstennähe während dieser Zeit hindeuten könnte – die Zahlen spiegeln jedoch lediglich Sichtungen wider, nicht die tatsächliche Bestandsgröße.

Verhalten und Lebensweise
Der Gewöhnliche Krake ist ein einzelgängerisches und territoriales Tier, das sein Versteck sorgfältig verbirgt und mit Muscheln, Steinen und anderen Gegenständen absichert. Nur während der Paarung und beim Brüten der Eier wird dieses Einzelgängerverhalten kurz unterbrochen, wobei selbst brütende Weibchen ihre Eier isoliert bewachen.
Die Art ist überwiegend nachtaktiv: Tagsüber verbleiben die Tiere meist in ihrem Bau und verlassen ihn in der Abenddämmerung zur Jagd, um bei Tagesanbruch zurückzukehren. Manche Individuen bewohnen ihren Unterschlupf über lange Zeit, andere wechseln innerhalb weniger Tage mehrfach den Ort.
In Küstengewässern wie dem Katalanischen Meer bei Banyuls und Port-Vendres zeigt die Art saisonale, vor allem vertikale Wanderungen: Im Frühjahr ziehen große Tiere zum Laichen küstennah, Weibchen verschwinden im Sommer nach der Eiablage und dem Brüten, während ab Spätsommer vor allem Männchen die größten Größenklassen bilden. Ein Teil der Population zieht im Herbst oder frühen Sommer in tiefere Gewässer, um im folgenden Frühjahr zur Laichzeit zurückzukehren.
Seine Lernfähigkeit zeigt sich auch im Umgang mit Beute: Er unterscheidet visuelle, taktile und chemische Reize und kann sich so flexibel an unterschiedliche Lebensräume anpassen.
Jagd und Ernährung
Der Gewöhnliche Krake ist ein aktiver Jäger, der in der Dämmerung auf Beutezug geht. Dabei nutzt er seine Fähigkeit zur Farbanpassung, um sich unbemerkt an Beutetiere heranzuschleichen und sie dann mit einem gezielten Sprung zu überraschen.
Seine bevorzugte Beute sind Schnecken und Muscheln, daneben Krebse und Hummer; grundsätzlich frisst er aber fast alles, was er erbeuten kann. Mit seinem kräftigen Schnabel bricht er die Schalen von Weichtieren auf, zusätzlich setzt er Gift ein, um Beute zu lähmen.
Junge, frisch geschlüpfte Kraken verbringen zunächst mehrere Wochen als aktive Räuber im Plankton, bevor sie sich bei einem Gewicht von etwa 0,2 Gramm am Meeresboden niederlassen und zur bodenlebenden Lebensweise übergehen.
Fortpflanzung und Lebenszyklus
Die Paarung des Gewöhnlichen Kraken ist promiskuitiv: Das Männchen nähert sich dem Weibchen, das ihn zunächst abwehrt, ihn dann aber akzeptiert. Es setzt sich neben sie oder besteigt sie und führt mit dem Hectocotylus, einem umgebildeten Arm, Spermatophoren in ihre Mantelhöhle ein. Die Paarung kann mehrere Stunden dauern und wird oft über eine Woche hinweg wiederholt, wobei beide Partner sich mehrfach mit anderen Individuen verpaaren.
Weibchen, die zur Eiablage bereit sind, suchen einen geschützten Ort – eine Höhle, Spalte oder Muschelschale, manchmal auch menschliche Gegenstände wie Dosen, Flaschen oder Reifen. Dort legen sie zwischen 100.000 und 500.000 Eier, die in Strängen an einem Untergrund festgeklebt werden. In tropischen und subtropischen Gewässern erfolgt die Eiablage ganzjährig, in einigen Regionen mit einem deutlichen Höhepunkt im Frühjahr, während sie sich anderswo von Dezember bis September erstreckt.
Während der Brutzeit, die bei niedrigen Temperaturen vier bis fünf Monate dauern kann, verlässt das Weibchen die Eier kaum und frisst in dieser Zeit meist nicht. Es reinigt die Eier mit den Armspitzen, richtet Wasserstrahlen aus dem Trichter auf sie und verteidigt sie gegen Eindringlinge.
Nach dem Schlüpfen der letzten Embryonen stirbt das Weibchen in der Regel kurz darauf, nachdem es etwa ein Drittel seines Körpergewichts von vor der Eiablage verloren hat – eine einmalige, semelpare Fortpflanzung.
Schutz und Bedrohungen
Der Gewöhnliche Krake wird von der IUCN als nicht gefährdet eingestuft. Eine konkrete Gefährdung besteht derzeit nicht, jedoch besteht das Potenzial für Überfischung, die den Fortbestand der Bestände bedrohen könnte.
Die Art wird in großem Maßstab per Grundschleppnetz vor der Nordwestküste Afrikas gefangen, mit jährlichen Fangmengen von über 20.000 Tonnen. Solche intensiven Fischereipraktiken stellen den wesentlichen Risikofaktor für die Art dar.
Kulturelle Bedeutung
In der minoisch-kretischen und griechischen Kultur hat der Krake tiefe Spuren in Kunst und Mythologie hinterlassen und diente als Vorbild für Sagenwesen wie die vielköpfige Hydra und die versteinernde Medusa.
In der polynesischen Mythologie erzählt die Legende von Kupe, der einen Kraken verfolgte, der ihm seine Angelhaken gestohlen hatte. Die 35-tägige Jagd über rund 2.400 Meilen soll ihn schließlich zur Entdeckung Neuseelands geführt haben – eine Geschichte, die mit dem Ursprung der Maori verbunden wird.
Wirtschaftlich spielt die Art seit Jahrzehnten eine bedeutende Rolle: 1975 wurden rund 121.000 Tonnen, 1976 sogar 137.000 Tonnen Gewöhnlicher Krake gefangen.
Wissenswertes
- In Japan gilt der Krake traditionell als Symbol für Heilkraft, während ihn Ureinwohner der nordamerikanischen Pazifikküste als intelligentes Trickser-Wesen betrachteten.
- Der Gewöhnliche Krake war das erste wirbellose Tier, das durch den britischen Animals (Scientific Procedures) Act von 1986 offiziellen Schutz erhielt.
- Trainingsexperimente zeigten, dass die Tiere zwischen verschiedenen Helligkeitsstufen, Größen, Formen und Ausrichtungen von Objekten unterscheiden können.
Fotos
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Ökologie und Klassifikation
Lebensraum
Ernährung
- Fleischfresser
Verhalten
- Nachtaktiv
- Räuber
- Einzelgänger
- Territorial
Klassifikation
- Stamm
- Mollusca
- Klasse
- Cephalopoda
- Ordnung
- Octopoda
- Familie
- Octopodidae
- Gattung
- Octopus
- Art
- Octopus vulgaris
Quellen
- GBIF Species names and classification
- iNaturalist Photos
- Wikidata Common names and conservation status
- Wikipedia Summary extract
- Animal Diversity Web Animal habitat, behavior and diet



