Mit einer Flügelspannweite von bis zu 40 Zentimetern zählt das Große Mausohr (Myotis myotis) zu den größten Fledermäusen Europas. Die Art gehört zur Familie der Vespertilionidae und ist über weite Teile Europas verbreitet, von Mittelmeerinseln bis in gemäßigte Wälder Mitteleuropas.
Nach der Roten Liste der IUCN gilt die Art aktuell als nicht gefährdet. Ihre Größe, ihre besondere Jagdtechnik am Boden und ihre engen sozialen Kolonien machen sie zu einer der auffälligsten Fledermausarten Europas.
Identifikation und Erscheinungsbild
Das wichtigste Erkennungsmerkmal ist die Kombination aus großer Körpergröße und breiter, langer Schnauze mit auffällig großen Ohren. Die Oberseite ist braun bis rötlich-braun gefärbt, die Unterseite schmutzig weiß bis beige. Der Tragus, ein knorpeliger Fortsatz im Ohr, nimmt etwa die Hälfte der Ohrlänge ein und trägt bei den meisten Tieren eine kleine schwarze Spitze.
Mit einem Gewicht von bis zu 45 Gramm und einer Kopf-Rumpf-Länge von 8 bis 9 Zentimetern ist das Große Mausohr etwas größer als eine Hausmaus. Die Unterarmlänge beträgt etwa 6 Zentimeter, der Schwanz misst 4 bis 5 Zentimeter. Die Flügelmembranen sind bräunlich gefärbt.
Zwischen den Geschlechtern besteht ein leichter Größenunterschied: Weibchen sind etwas größer als Männchen, wie es bei vielen Vespertilioniden üblich ist.
Verbreitung und Lebensraum
Das Große Mausohr besiedelt weite Teile Europas, fehlt jedoch in Irland, Dänemark, Lettland, Estland, Finnland und auf der Skandinavischen Halbinsel. Auf zahlreichen Mittelmeerinseln wie Sizilien, Malta und den Gymnesischen Inseln kommt die Art ebenfalls vor, im Nahen Osten wurde sie in der Türkei, Israel, Syrien, Jordanien und im Libanon nachgewiesen.
Auf Mallorca ist das Große Mausohr die häufigste Fledermausart, wo mehrere Höhlen Kolonien von 200 bis 500 Tieren beherbergen. Auch auf der Iberischen Halbinsel und in Frankreich ist die Art weit verbreitet. In Großbritannien galt sie im 20. Jahrhundert als praktisch ausgestorben, doch in jüngerer Zeit wurden gelegentlich einzelne Tiere entdeckt.
Als Lebensraum bevorzugt die Art Höhlen und Gebäude wie Kirchen und Burgen, daneben auch offene, licht bestandene Wälder. In Norditalien schützt seit 2012 ein LIFE-Nature-Projekt im Naturpark Gola della Rossa e di Frasassi mehrere tausend Tiere.

Verhalten und Lebensweise
Das Große Mausohr ist nachtaktiv und lebt in Kolonien von etwa 10 bis 100 Tieren, wobei kontinentale Kolonien über 4.500 Individuen erreichen können. Tagsüber ruhen die Tiere bevorzugt in Höhlen, gelegentlich auch in Dachböden von Gebäuden oder seltener in Baumhöhlen.
Die Tiere fliegen relativ niedrig, meist in 5 bis 10 Metern Höhe, und nutzen einen Aktionsraum mit einem Radius von rund 10 Kilometern. Im Frühjahr unternehmen sie Wanderungen zwischen Sommer- und Winterquartieren von teils über 200 Kilometern, meist jedoch nur rund 10 Kilometer.
Während des Winterschlafs sinkt die Herzfrequenz drastisch von normalerweise 600 auf nur 18 bis 80 Schläge pro Minute - eine enorme Stoffwechseldrosselung, die den Energieverbrauch minimiert. Weibchen bilden während der Aufzucht eigene Wochenstuben, aus denen Männchen ausgeschlossen werden.
Kommunikation
Zur Orientierung im Raum nutzt das Große Mausohr Ultraschall-Echoortung, wobei die Rufe zwischen 22 und 86 Kilohertz liegen und ihre meiste Energie bei etwa 37 Kilohertz konzentrieren. Die Rufe dauern im Schnitt rund 6 Millisekunden.
Anders als viele verwandte Arten setzt das Große Mausohr Echoortung jedoch nicht zur Beutejagd im Flug ein, sondern hauptsächlich zur räumlichen Orientierung. Bei der Annäherung an Beute stößt es zusätzlich Ultraschalllaute aus, verlässt sich aber vor allem auf passives Hören.
Jagd und Ernährung
Statt Beute im Flug per Echoortung zu erjagen, greift das Große Mausohr sie am Boden ab: Es lauscht passiv auf die Geräusche, die Insekten beim Bewegen auf dem Boden verursachen. Diese Jagdtechnik unterscheidet die Art von den meisten anderen Fledermäusen.
Als opportunistischer Jäger ernährt sich die Art vor allem von Laufkäfern (Carabidae), daneben auch von großen Nachtfaltern und Grasläufern. Bevorzugte Jagdgebiete sind offene Wälder mit spärlicher Bodenvegetation, wo sich Laufkäfer leicht am Boden erbeuten lassen.
Jede Nacht verzehrt ein Tier etwa 25 bis 50 Prozent seines Körpergewichts an Insekten. Reicht das Angebot an Laufkäfern nicht aus, weicht die Art auf andere Beutetiere aus, etwa Tausendfüßer und Spinnen.
Fortpflanzung und Jungenaufzucht
Die Paarung erfolgt bei diesem polygynandrischen (promiskuitiven) System vor allem im Herbst, manchmal auch im Februar oder Oktober. Die Weibchen speichern das Sperma jedoch in der Gebärmutter, sodass die Eizellen erst im folgenden Frühjahr befruchtet werden.
Die Tragzeit beträgt etwa 60 bis 70 Tage, die Geburt findet meist zwischen April und Juni statt. Jedes Weibchen bringt in der Regel ein, selten zwei Jungtiere zur Welt. Die Neugeborenen sind blind und tragen bereits Krallen an den Hinterfüßen sowie Milchzähne.
In den ersten zwei Wochen klammern sich die Jungen fest an die Mutter. Nach etwa 60 Tagen werden sie entwöhnt und beginnen, selbst Insekten zu fressen; die Geschlechtsreife tritt bei beiden Geschlechtern nach rund 502 Tagen ein. Sobald die Jungen selbstständig sind, paaren sich die Weibchen erneut.
Schutz und Bedrohungen
Die IUCN listet das Große Mausohr aktuell als nicht gefährdet, was auf eine insgesamt stabile Gesamtsituation der Art in Europa hindeutet. Dennoch wird in manchen Regionen von schnellen Bestandsrückgängen berichtet, und in Teilen Nordwesteuropas ist die Art bereits ausgestorben.
CITES und die US-amerikanische Bundesliste weisen der Art keinen besonderen Schutzstatus zu. Programme wie das LIFE-Nature-Projekt im italienischen Naturpark Gola della Rossa e di Frasassi zeigen jedoch, dass gezielter Schutz von Höhlenquartieren große Kolonien bewahren kann.
Kulturelle Bedeutung
Für den Menschen hat das Große Mausohr vor allem einen praktischen Nutzen: Als Insektenjäger trägt es zur Kontrolle von Schädlingspopulationen bei, indem es große Mengen an Käfern und Nachtfaltern vertilgt.
Wissenswertes
- Die Gattung Myotis wurde 1998 von Nancy Simmons in eine eigene Unterfamilie, die Myotinae, gestellt, nachdem sie zuvor zu den Vespertilioninae gezählt hatte.
- Das Große Mausohr gehört zu den wenigen Fledermausarten, die ihre Beute nicht im Flug per Echoortung, sondern passiv lauschend am Boden aufspüren.
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Ökologie und Klassifikation
Klassifikation
- Stamm
- Chordata
- Klasse
- Mammalia
- Ordnung
- Chiroptera
- Familie
- Vespertilionidae
- Gattung
- Myotis
- Art
- Myotis myotis
Quellen
- GBIF Species names and classification
- iNaturalist Photos
- Wikidata Common names and conservation status
- Wikipedia Summary extract
- Animal Diversity Web Animal habitat, behavior and diet
- AnAge Longevity



