Kaum ein anderes Tier stellt unsere Vorstellung vom Altern so auf den Kopf wie Turritopsis dohrnii: Nach Erreichen der Geschlechtsreife kann sie vollständig in ein unreifes, sesshaftes Polypenstadium zurückkehren.
Die Art gehört zur Klasse der Hydrozoen innerhalb der Nesseltiere und kommt weltweit in gemäßigten bis tropischen Meeren vor. Wegen dieser außergewöhnlichen Fähigkeit zur Umkehrung ihres Lebenszyklus wird sie oft als „unsterbliche Qualle“ bezeichnet und ist zu einem beliebten Beispiel in der Alterns- und Regenerationsforschung geworden.
Identifikation und Erscheinungsbild
Das auffälligste Merkmal von Turritopsis dohrnii ist ihr winziger, glockenförmiger Körper aus Mesogloea mit einem Durchmesser von höchstens etwa 4,5 Millimetern – die Glocke ist dabei etwa so hoch wie breit.
Die Wände der Glocke sind gleichmäßig dünn, nur an der Spitze etwas verdickt. Im Inneren fällt der vergleichsweise große, leuchtend rote Magen auf, der im Querschnitt eine kreuzförmige Gestalt zeigt. Junge Exemplare von etwa 1 Millimeter Durchmesser besitzen erst acht gleichmäßig verteilte Tentakel am Rand, während ausgewachsene Medusen 80 bis 90 Tentakel tragen.
In der Epidermis der Kappe befindet sich ein dichtes Nervenzellnetz, das oberhalb des Radialkanals eine ringförmige Struktur bildet, wie sie bei Nesseltieren häufig vorkommt. Neben der frei im Plankton lebenden Medusenform existiert eine am Boden lebende Polypenform mit Ausläufern (Stolonen), die entlang des Untergrunds wachsen, und aufrechten Zweigen mit Fresspolypen, aus denen neue Medusenknospen entstehen.
Verbreitung und Lebensraum
Turritopsis dohrnii stammt vermutlich ursprünglich aus dem Pazifik, hat sich aber über transarktische Wanderungen und vor allem durch den Transport im Ballastwasser von Schiffen über alle Weltmeere verbreitet. Die Art wurde erstmals im Mittelmeer beschrieben, ist heute aber in gemäßigten bis tropischen Gewässern weltweit anzutreffen.
Wissenschaftler wie Maria Miglietta vom Smithsonian Tropical Marine Institute sprechen von einer „stillen Invasion“, die – anders als bei vielen anderen eingeschleppten Arten – wegen der geringen Größe und Harmlosigkeit der Tiere lange unbemerkt blieb. Genetische Vergleiche mitochondrialer ribosomaler Gensequenzen haben gezeigt, dass sich innerhalb der Gattung mehrere, morphologisch kaum unterscheidbare Populationen herausgebildet haben.
Die Tiere besiedeln unter anderem Yachthäfen, Anlegestellen, Schiffsrümpfe und den Meeresboden. Sie kommen sowohl in polyhalinen (18 bis 30 PSU) als auch in euhalinen Gewässern (30 bis 40 PSU) vor. Ihre außergewöhnliche Fähigkeit, sich bei Nahrungsmangel oder widrigen Bedingungen zu einem Zellklumpen zurückzubilden, erleichtert vermutlich die passive Verbreitung mit Meeresströmungen.

Jagd und Ernährung
Auf der Jagd treibt Turritopsis dohrnii mit ausgebreiteten Tentakeln durchs Wasser, an denen Nesselzellen (Nematozysten) sitzen, die Beute betäuben und festhalten. Anschließend führen die Tentakel die erbeutete Nahrung durch eine Beugebewegung zum Mund.
Zusätzlich nutzt die Qualle ihre Glocke als Jagdhilfe: Beim Schwimmen zieht sich die Glocke zusammen und dehnt sich wieder aus, sodass Wasser eingesaugt wird und potenzielle Beute näher an die Tentakel herangezogen wird.
Die Art ist ein Fleischfresser, der sich vor allem von Zooplankton ernährt, ergänzt durch Fischeier und kleine Weichtiere. Nahrungsaufnahme und Ausscheidung erfolgen bei ihr, wie bei anderen Quallen, über ein und dieselbe Öffnung, den Mund.
Bestand und ökologische Rolle
Wie andere Quallen wird Turritopsis dohrnii vor allem von anderen Quallenarten gefressen. Weitere Fressfeinde sind Seeanemonen, Thunfische, Haie, Schwertfische, Meeresschildkröten und Pinguine.
Dass so viele unterschiedliche Tiergruppen auf sie Jagd machen, hängt mit ihrem einfachen Körperbau zusammen: Der Körper besteht nur zu etwa fünf Prozent aus fester Substanz, der Rest ist Wasser. Aufgebaut ist er aus drei Schichten – einer äußeren Epidermis, einer mittleren, gallertartigen Mesogloea und einer inneren Gastrodermis.
Kulturelle Bedeutung
In Erzählungen und im Internet wird die „unsterbliche Qualle“ häufig so dargestellt, als könne sie buchstäblich ewig leben – ein moderner Mythos, der aus ihrer tatsächlichen Fähigkeit entsteht, ihren Lebenszyklus umzukehren und sich gewissermaßen neu zu „gebären“.
Die Faszination reicht bis in die reale Namensgebung hinein: Der wiederkehrende Kandidat bei Wahlen in Singapur, Turritopsis Dohrnii Teo En Ming, hat seinen Namen offiziell nach dieser Qualle geändert.
Wissenswertes
- Der Prozess, mit dem sich die Zellen von Turritopsis dohrnii bei der Rückverwandlung umwandeln, wird Transdifferenzierung genannt und hat Forscher dazu inspiriert, nach Wegen zu suchen, geschädigtes oder abgestorbenes Gewebe beim Menschen auf ähnliche Weise zu erneuern.
- Während dieser Rückkehr zum Jugendstadium erhält die Art die Länge ihrer Telomere durch spezielle zelluläre Prozesse, wodurch die zelluläre Alterung gewissermaßen zurückgesetzt wird.
- Wegen dieser Fähigkeit, ihre biologische Uhr zurückzudrehen, hat Turritopsis dohrnii großes Interesse in der Altersforschung geweckt.
Fotos
Fotos von by Dr. Karen J. Osborn via Wikimedia Commons, licensed under CC0 1.0., mit Namensnennung bei jedem Bild.
Ökologie und Klassifikation
Klassifikation
- Stamm
- Cnidaria
- Klasse
- Hydrozoa
- Ordnung
- Anthoathecata
- Familie
- Oceaniidae
- Gattung
- Turritopsis
- Art
- Turritopsis dohrnii
Quellen
- GBIF Species names and classification
- Wikidata Common names and conservation status
- Wikipedia Summary extract
- Wikimedia Commons Photos



