Ihr deutscher Name täuscht: Die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas) verdankt ihren Namen nicht der Farbe ihres Panzers – der reicht von Olivgrün bis Schwarz –, sondern dem grünlichen Fett unter ihrem Rückenschild, das durch ihre strikt pflanzliche Ernährung mit Seegras entsteht.
Als einzige Art der Gattung Chelonia gehört sie zur Familie der Cheloniidae innerhalb der Schildkröten. Ihr Verbreitungsgebiet umfasst tropische und subtropische Meere weltweit, mit zwei genetisch unterscheidbaren Populationen im Atlantik und im Pazifik sowie Vorkommen im Indischen Ozean. Die IUCN listet die Art als gefährdet (Endangered).
Von den offenen Weiten des Ozeans, die Jungtiere durchstreifen, bis zu den Seegraswiesen, in denen ausgewachsene Tiere weiden, durchläuft die Grüne Meeresschildkröte im Laufe ihres Lebens mehrere völlig unterschiedliche Lebensräume – eine Geschichte von Wanderung, Anpassung und einer engen Bindung an den eigenen Geburtsstrand.
Identifikation und Erscheinungsbild
Das auffälligste Unterscheidungsmerkmal ist ihr kurzer, ungehakter Schnabel: Anders als die nah verwandte Karettschildkröte besitzt die Grüne Meeresschildkröte keine hakenförmige Oberkieferspitze, und ihr Kopf sitzt an einem vergleichsweise kurzen Hals, den sie nicht in den Panzer einziehen kann.
Erwachsene Tiere erreichen eine Panzerlänge von 78 bis 112 Zentimetern bei einer Gesamtkörperlänge von bis zu 1,5 Metern und wiegen im Durchschnitt zwischen 68 und 190 Kilogramm. Außergewöhnliche Exemplare können jedoch deutlich schwerer werden: Das größte bekannte Tier brachte 395 Kilogramm auf die Waage und maß 153 Zentimeter Panzerlänge. Im Wasser erreicht die Art Geschwindigkeiten von bis zu 64 km/h und ist damit die schnellste Meeresschildkröte.
Der Panzer besteht aus fünf zentralen und vier Paaren seitlicher Schilde, dazu kommen unterseits vier Paare Inframarginalschilde zwischen Bauchpanzer und Rückenschild. Erwachsene Tiere tragen an jeder Vorderflosse nur eine einzige Kralle – bei Jungtieren ist manchmal noch eine zweite sichtbar, ein Merkmal, das sie von der zweikralligen Karettschildkröte unterscheidet. Die Panzerfärbung wandelt sich mit dem Alter: Schlüpflinge sind fast schwarz mit hellem Bauchpanzer, Jungtiere dunkelbraun bis olivgrün, während der Panzer ausgewachsener Tiere braun, gefleckt oder mit unregelmäßigen Strahlenmustern marmoriert erscheint. Der Bauchpanzer bleibt gelblich, und die dunklen Flossen sind gelb gesäumt, oft mit einem großen dunkelbraunen Fleck in der Mitte.
Geschlechter lassen sich bei ausgewachsenen Tieren an Schwanz und Krallen unterscheiden: Männchen besitzen einen deutlich längeren Schwanz, der über den Panzerrand hinausragt, sowie längere Krallen an den Vorderflossen als Weibchen.
Verbreitung und Lebensraum
Die Grüne Meeresschildkröte besiedelt tropische bis subtropische Meere rund um den Globus zwischen etwa 30° nördlicher und 30° südlicher Breite; Wassertemperaturen unter 7 bis 10 °C markieren die Grenze ihres Verbreitungsgebiets. Zwei genetisch unterscheidbare Hauptpopulationen – eine atlantische und eine ostpazifische – sind vermutlich durch die kühlen Gewässer an der Südspitze Afrikas und Südamerikas voneinander isoliert, erkennbar an unterschiedlichen mitochondrialen DNA-Typen. Insgesamt ist die Art an den Küsten von über 140 Ländern nachgewiesen, mit Niststränden in mehr als 80 Ländern.
Je nach Lebensphase nutzt sie drei völlig verschiedene Habitattypen: Niststrände zur Eiablage, flache Küstengewässer mit ausgedehnten Seegraswiesen als Nahrungsgrund für Jungtiere und Adulte sowie Korallenriffe, Salzwiesen und geschützte Buchten und Lagunen. Riffe liefern zusätzlich rote, braune und grüne Algen als Nahrung und bieten Schutz vor Fressfeinden und Stürmen.
Die ersten rund fünf Lebensjahre verbringen Jungtiere weitgehend unsichtbar in den Konvergenzzonen des offenen Ozeans, bevor sie näher an die Küste ziehen. Ganze Generationen wandern oft zwischen einem festen Paar von Nahrungs- und Nistgebieten und nutzen dafür große Meeresströmungen.
Monatliche Beobachtungsdaten zeigen ganzjährig hohe Nachweiszahlen mit einem Höhepunkt im Mai und insgesamt eher höheren Werten im Frühjahr und Frühsommer – solche Zahlen spiegeln jedoch nur die Beobachtungshäufigkeit wider, nicht die tatsächliche Bestandsgröße oder das vollständige Verbreitungsgebiet.

Verhalten und Lebensweise
Die Grüne Meeresschildkröte verbringt den Großteil ihres Lebens im Wasser und legt dabei täglich zwischen 20 und 90 Kilometer schwimmend zurück. Bei normalen Aktivitäten taucht sie typischerweise vier bis fünf Minuten lang, um danach nur ein bis drei Sekunden an der Oberfläche zu atmen – eine explosive Ausatmung gefolgt von schneller Einatmung tauscht die Lungenluft nahezu vollständig aus.
Nachts und zum Schutz vor Fressfeinden klemmen sich die Tiere unter Felsen, Riffvorsprünge oder Küstengestein und ruhen dort stundenlang; viele Individuen suchen dabei Nacht für Nacht denselben Schlafplatz auf.
Grüne Meeresschildkröten sind wanderfreudig und ziehen oft in größeren Gruppen, die vom selben Geburtsstrand abstammen. Sie halten über das Jahr feste Streifgebiete – Nahrungsgründe an der Küste außerhalb der Brutzeit und den Heimatstrand während der Nistsaison –, die von 3,8 bis 642,2 Hektar reichen, verteidigen dabei aber kein festes Territorium.
Frisch geschlüpfte Tiere sind fleischfressende Bewohner des offenen Ozeans, während Jungtiere und Adulte überwiegend als pflanzenfressende Weidegänger in Küstennähe leben. Während der Paarungszeit nähern sich kopulierenden Paaren häufig zusätzliche „Eskort“-Männchen, die versuchen, den paarenden Partner zu verdrängen; fühlt sich dieser bedroht, löst er sich kurzzeitig von der Partnerin, um die Konkurrenten zu vertreiben.
Kommunikation
Die Grüne Meeresschildkröte verlässt sich vor allem auf das Sehen, um Nahrungspflanzen und Beute aufzuspüren, und setzt visuelle Signale zur Kommunikation ein.
Zur Orientierung im offenen Wasser nutzt sie zusätzlich die Ausbreitungsrichtung von Wellen, die ihr Innenohr über Beschleunigung und Richtung wahrnimmt, sowie erdmagnetische Felder, die ihr auch in der Tiefe eine Richtungsbestimmung erlauben.
Bei der Paarung kommunizieren Weibchen ihre Bereitschaft über eindeutige Körperhaltungen: Akzeptieren sie einen Partner, verhalten sie sich beim Aufreiten des Männchens völlig passiv. Lehnen sie ihn ab, schwimmen sie mit angelegten Hinterbeinen davon oder beißen ein zu aufdringliches Männchen. Eine dritte, klare „Abweisungshaltung“ besteht darin, mit dem Bauchpanzer zum Männchen gerichtet aufzutreiben und alle Flossen auszustrecken.
Jagd und Ernährung
Junge Grüne Meeresschildkröten ernähren sich zunächst opportunistisch von treibenden Kleinlebewesen der offenen See: Sie erbeuten Nesseltiere (Hydrozoa), Moostierchen (Bryozoa), die Eier von Seehasen (Aplysia) und Zooplankton, das sie im pelagischen Treibgut aufspüren.
Mit zunehmendem Alter verschiebt sich die Ernährung deutlich in Richtung Pflanzenkost. Adulte Tiere weiden vor allem Seegräser wie Spartina alterniflora und die Mangrove Avicennia schaueriana sowie eine Vielzahl von Rot- und Grünalgen ab, darunter Bostrychia, Caloglossa, Compsopogon, Polysiphonia, Ulva lactuca, Gayralia und Rhizoclonium.
Beim Weiden schneiden sie mit ihrem scharfkantigen Kiefer gezielt nur die oberen Blattspitzen des Seegrases ab und lassen die Wurzeln intakt – eine Technik, die dem Bestand hilft, rasch nachzuwachsen. Da die Tiere über weite Strecken wandern, richtet sich ihr Speiseplan stark nach dem jeweiligen Lebensraum und ist insgesamt sehr opportunistisch.
Nestbau und Brut
Grüne Meeresschildkröten sind polygynandrisch: Beide Geschlechter paaren sich mit mehreren Partnern. Die Kopulation findet in den seichten Gewässern vor den Niststränden statt; das Männchen klammert sich dabei an spezielle „Paarungskerben“ an den Schultern des Weibchens. Oft versuchen weitere Männchen, sich über Stunden an das Paar zu hängen, um den aktiven Partner zu verdrängen – die längste dokumentierte Kopulationsdauer betrug 119 Stunden. Im Schnitt vergehen 15 Tage zwischen der ersten Paarung und dem Versuch des Weibchens, am Heimatstrand mit dem Nestbau zu beginnen.
Weibchen suchen ihren Geburtsstrand in Abständen von zwei bis vier Jahren auf, meist zwischen Juni und September, oder wählen ersatzweise einen Strand mit ähnlicher Sandbeschaffenheit. Nach der Landung räumen sie die Nistgrube von Unrat frei und graben mit den Vorderflossen eine Kammer im Sand; nach der Eiablage verschließen und tarnen sie das Nest mit Sand, bevor sie ins Meer zurückkehren. Solche Niststrände finden sich weltweit, etwa im Golf von Kalifornien in Mexiko, auf den entlegenen French Frigate Shoals rund 800 Kilometer westlich der Hawaii-Inseln, auf den Turtle Islands der Philippinen, auf Raine Island im Great Barrier Reef sowie an den Küsten von Oman und Pakistan, einschließlich der Insel Astola.
Ein Weibchen legt pro Saison ein bis neun Gelege, im Schnitt etwa drei, mit jeweils 75 bis 200 Eiern (im Mittel rund 136 bis 150). Die Inkubation dauert 45 bis 75 Tage, und die geschlüpften Jungtiere wiegen im Schnitt nur rund 26 Gramm.
Nach dem Schlüpfen machen sich die Jungtiere allein auf den Weg ins Meer; über die Eiablage und die Tarnung des Nests hinaus investieren die Weibchen keine weitere elterliche Fürsorge. Bis zur eigenen Geschlechtsreife vergehen anschließend 27 bis 50 Jahre, in denen die Jungtiere als pelagische Wanderer heranwachsen.
Bestand und ökologische Rolle
Als Jungtiere sind Grüne Meeresschildkröten Räuber kleiner wirbelloser Tiere – Nesseltiere, Moostierchen, Seehaseneier und kleine Quallen –, während ausgewachsene Tiere überwiegend Seegras und Algen abweiden. Durch dieses Weideverhalten fördern sie das Nachwachsen der Seegraswiesen und düngen sie über nährstoffreichen Kot mit Stickstoff, was wiederum zahlreichen Fisch- und Krebsarten Lebensraum sichert.
Ausgewachsene Tiere haben nur wenige natürliche Feinde: Vor allem Tigerhaie (Galeocerdo cuvier) jagen sie – etwa in hawaiianischen Gewässern – und erbeuten Individuen jeder Größe, besonders in der Nähe von Niststränden, wo die Tiere in ihrer Bewegung eingeschränkt sind. Schlüpflinge und Jungtiere sind weitaus mehr Fressfeinden ausgesetzt, darunter Krabben, kleine Meeressäuger und Küstenvögel; die Eier fallen Rotfüchsen und Goldschakalen zum Opfer.
Parasiten wie Seepocken, Blutegel, Protozoen, Bandwürmer und Fadenwürmer setzen den Tieren stark zu, ebenso Trematoden-Egel der Arten Learedius leardei, Carettacola hawaiiensis, Hapalotrema dorsopora und Hapalotrema postorchis, die entzündliche Herz-Kreislauf-Schäden verursachen können. Die größte Krankheitsgefahr stellt Fibropapillomatose dar, eine durch ein Herpesvirus ausgelöste Tumorerkrankung, die von dem auf Meeresschildkröten spezialisierten Blutegel Ozobranchus branchiatus übertragen wird und tödliche Wucherungen an Schuppen, Lunge, Magen und Nieren hervorruft.
Schutz und Bedrohungen
Die IUCN listet die Grüne Meeresschildkröte als gefährdet (Endangered). Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) stuft sie in Anhang I ein, der den Handel mit der Art grundsätzlich verbietet und nur mit Genehmigung für Forschungszwecke zulässt. In den USA gelten einige Populationen – etwa im Mittelmeer sowie im zentralwestlichen und zentralsüdlichen Pazifik – sogar als „endangered“, die meisten übrigen als „threatened“.
Die größte Bedrohung geht von der Fischerei aus, die ausgewachsene und juvenile Tiere sowohl in Nahrungsgebieten als auch an Niststränden mit Harpunen, Netzen, Schlingen oder durch Umdrehen der Tiere fängt. Hinzu kommt künstliches Licht an Küsten, das die Tiere mit Sonnenlicht verwechselt: Es verändert das Rückkehrverhalten nistender Weibchen und führt zu unvollständigem Nestbau.
Gesetze wie die von US Fish and Wildlife Service und National Marine Fisheries Service durchgesetzten Fangverbote sowie internationale Abkommen – etwa das ASEAN-Memorandum zum Schutz von Meeresschildkröten, das Abkommen zum Schutz der Meeresschildkröten der afrikanischen Atlantikküste und die Interamerikanische Konvention zum Schutz der Meeresschildkröten – haben den Druck durch Fischerei deutlich verringert. Wichtige, oft geschützte Niststrände liegen unter anderem in Tortuguero in Costa Rica, auf Ascension Island mit 6.000 bis 13.000 Nestern pro Saison und in Florida, wo 2015 mit über 37.000 dokumentierten Nestern ein Rekordwert erreicht wurde.
Trotz dieser Fortschritte bleibt die Art durch küstennahe Fischerei stark gefährdet.
Kulturelle Bedeutung
Der Gattungsname Chelonia geht auf das griechische Wort Χελώνη (Khelônê) zurück, mit dem schon die alten Griechen Schildkröten bezeichneten. Der Mythos erzählt von einer Nymphe namens Khelônê, die von Zeus zur Strafe für ihre Faulheit oder Respektlosigkeit – in einer Fabel Aesops soll sie einer Hochzeitseinladung nicht gefolgt sein oder sich dabei ungebührlich verhalten haben – in eine Schildkröte verwandelt wurde, die seither ihr Haus für immer auf dem Rücken trägt. Der Artname mydas bedeutet im Griechischen „feucht“ und verweist auf ihren aquatischen Lebensraum.
Für viele indigene Völker Australiens besitzen Meeresschildkröten wie die Grüne Meeresschildkröte tiefe spirituelle und kulturelle Bedeutung und dienen traditionell als Nahrungsquelle; sie ist eine von sechs in australischen Gewässern vorkommenden Meeresschildkrötenarten.
Trotz gesetzlichen Schutzes in vielen Ländern wird die Art in Teilen Südostasiens weiterhin wegen ihrer Eier und ihres Fleisches gejagt, und ihre Panzer werden zu Dekorationsobjekten oder Schmuck verarbeitet.
Wissenswertes
- Am Panzer siedelt sich häufig der Gelbe Doktorfisch an, der Algen, Seepocken und Parasiten von Panzer und Flossen abfrisst – eine Reinigung, die der Schildkröte hilft, mit weniger Widerstand durchs Wasser zu gleiten.
- Das Geschlecht der Schlüpflinge wird nicht genetisch, sondern durch die Nesttemperatur bestimmt: Über 30 °C entwickeln sich vor allem Weibchen, besonders aus den im wärmeren Nestzentrum liegenden Eiern, während kühlere Nester eher Männchen hervorbringen.
- Die Paarung kann sich extrem lange hinziehen – die längste beobachtete Kopulation dauerte 119 Stunden.
- Frisch geschlüpfte Jungtiere wiegen im Schnitt nur etwa 26 Gramm.
- Chelonia mydas ist die einzige noch existierende Art ihrer Gattung.
Ökologie
Lebensraum
- Feuchtgebiet
- Meeresbewohner
- Küstenbewohner
Verhalten
- Räuber
- Aquatisch
- Sozial
- Zugvogel
Ernährung
- Allesfresser
Fotos
QuellenGBIFiNaturalistWikidataWikipediaEncyclopedia of LifeAnimal Diversity WebAnAge


