Wer mit Mutterkorn verunreinigtes Roggenmehl verzehrt, riskiert eine schwere Vergiftung: Claviceps purpurea, der Mutterkornpilz, bildet in den Ähren von Roggen und verwandten Gräsern harte, dunkle Überdauerungsorgane, die giftige Alkaloide enthalten. Werden diese mit dem Getreide oder Heu von Mensch oder Tier aufgenommen, kann die Krankheit Ergotismus die Folge sein.
Taxonomisch gehört die Art zur Klasse der Sordariomycetes, zur Ordnung Hypocreales und zur Familie Clavicipitaceae innerhalb des Pilzreichs. Sie befällt vor allem fremdbestäubende Getreide- und Futtergräser mit offen blühenden Ähren, am häufigsten Roggen, daneben auch Triticale, Weizen und Gerste. Hafer wird nur selten infiziert.
Damit ist der Mutterkornpilz weit mehr als ein landwirtschaftlicher Schädling: Seine Sklerotien haben über Jahrhunderte Ernten vergiftet, Epidemien ausgelöst und sind bis heute mit medizingeschichtlichen Erzählungen verknüpft.
Fruchtkörper und Bestimmung
Das auffälligste und wichtigste Erkennungsmerkmal ist das Sklerotium, im Deutschen als Mutterkorn bezeichnet: ein hartes, dunkel violett bis schwarz gefärbtes, hörnchen- oder bananenförmiges Gebilde, das anstelle eines normalen Getreidekorns aus der Ähre herausragt und deutlich größer ist als ein gesundes Korn.
Bevor sich das Sklerotium bildet, durchläuft der Pilz ein weißliches, weiches Stadium namens Sphacelia segetum. Dieses produziert einen zuckrigen, klebrigen Honigtau, der aus den befallenen Blüten tropft und Millionen winziger Sporen enthält. Erst danach härtet das Gewebe zu dem charakteristischen dunklen Sklerotium aus, in dem sich Alkaloide und Fette wie Ricinolsäure anreichern.
Fällt ein reifes Sklerotium auf den Boden und keimt es später aus, entstehen daraus winzige, pilzchenartige Fruchtkörper mit Kopf und Stiel, die je nach Reifegrad unterschiedlich gefärbt sind und im Kopfteil die fadenförmigen sexuellen Sporen tragen.
Verbreitung und Lebensraum
Der Mutterkornpilz befällt ein breites Spektrum an Gräsern und Getreidearten, von Straußgräsern (Agrostis) und Fuchsschwanzgräsern (Alopecurus) über Trespen (Bromus), Quecken (Elymus), Schwingel (Festuca) und Rispengräser (Poa) bis zu Lieschgras (Phleum), Rohrglanzgras (Phalaris) und Federgras (Stipa). Eine eigene Variante befällt sogar Salzwiesengräser wie Spartina und Distichlis.
Damit ist die Art nicht auf Kulturgetreide beschränkt, sondern in ganz unterschiedlichen Grasland- und Wiesenlebensräumen zu finden, überall dort, wo geeignete Wirtsgräser offen blühen.
Beobachtungsdaten aus GBIF zeigen einen deutlichen saisonalen Schwerpunkt: Die Zahl der gemeldeten Funde steigt von wenigen Hundert im Winter und Frühjahr auf über 4.800 im August und bleibt auch im September mit knapp 4.800 hoch, bevor sie zum Winter hin wieder abfällt. Das deutet auf eine verstärkte Sichtbarkeit während der sommerlichen Fruchtphase der Wirtsgräser hin, ist aber lediglich ein Hinweis auf Beobachtungshäufigkeit und keine verlässliche Aussage über tatsächliche Häufigkeit oder das vollständige Verbreitungsgebiet.

Lebenszyklus
Der Zyklus beginnt, wenn eine Ascospore des Pilzes eine offene Grasblüte infiziert und dabei den Vorgang einer Bestäubung nachahmt, da die Spore Zugang zur Blütennarbe braucht. Deshalb befällt der Pilz vor allem fremdbestäubende Arten mit offenen Blüten wie Roggen oder Fuchsschwanzgras.
Das wachsende Pilzgeflecht zerstört den Fruchtknoten der Pflanze und verbindet sich mit dem Leitbündel, das eigentlich das heranwachsende Samenkorn versorgen sollte. Im ersten, weißlichen Stadium namens Sphacelia segetum sondert der Pilz einen zuckrigen Honigtau ab, der Millionen ungeschlechtlicher Sporen (Konidien) enthält und durch Insekten oder Regen auf andere Blüten übertragen wird. Später verhärtet sich dieses Gewebe zum dunklen Sklerotium, in dem sich Alkaloide und Fette wie Ricinolsäure anreichern.
Fällt das reife Sklerotium auf den Boden, bleibt es zunächst ruhend, bis Bedingungen wie Frühjahrsbeginn oder Regenperioden die Keimung auslösen. Dabei bilden sich kleine Fruchtkörper mit Kopf und Stiel, in deren Kopfteil geschlechtliche Sporen entstehen, die gleichzeitig ausgeschleudert werden, sobald passende Wirtsgräser blühen. Neben Wind und Regen tragen auch Insekten zur Verbreitung bei: Die soziale Faltenwespe Polistes dorsalis wurde dokumentiert, wie sie Konidien an ihrem Körper von befallenen zu gesunden Pflanzen transportiert, und auch Fliegen und Nachtfalter können Konidien tragen, wobei ihre tatsächliche Rolle bei der Übertragung ungeklärt bleibt.
Nutzung und Kulturgeschichte
Der Mutterkornpilz ist Teil medizinhistorischer Sammlungen, in denen er im Zusammenhang mit der Geschichte der Medizin gezeigt wird, auch wenn das jeweilige Exemplar aktuell nicht ausgestellt ist. Diese musealen Einordnung verweist auf seine lange Bedeutung als Gegenstand medizinischer und wissenschaftlicher Beschäftigung.
Einige Forscher vermuten zudem einen kulturhistorischen Zusammenhang mit den ekstatischen Ritualen der antiken Griechen: Der Verzehr von mit Mutterkorn befallenem Getreide könnte demnach eine Rolle bei bestimmten religiösen Zeremonien gespielt haben. Grundlage dieser Vermutung ist, dass die Pilzinfektion von Getreidekörnern als Nebenprodukt die Substanz LSA erzeugt, eine chemische Vorstufe der Lysergsäure, aus der auch LSD synthetisiert wird.
Damit steht der Mutterkornpilz an der Schnittstelle zwischen Landwirtschaftsgeschichte, Medizingeschichte und kulturhistorischen Deutungen antiker Rituale.
Wissenswertes
- Botaniker unterscheiden innerhalb der Art mehrere Varianten, etwa Claviceps purpurea var. spartinae, die speziell auf Salzwiesengräsern wie Spartina und Distichlis wächst.
- Größe und Form der Sklerotien eignen sich kaum zur Bestimmung, da sie stark von Größe und Form der befallenen Ähre abhängen.
- Auch die Größe der Konidien ist kein verlässliches Merkmal, denn sie schwankt je nach osmotischem Druck erheblich.
- Seit Menschen begannen, Weizen, Roggen, Gerste und Hafer anzubauen, sind sie den Vergiftungen durch den Mutterkornpilz ausgesetzt.
Ökologie
Lebensraum
- Feuchtgebiet
- Grasland



