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Fliegenpilz

Amanita muscaria

Ein Fliegenpilz mit leuchtend rotem, weiß gepunktetem Hut, weißen Lamellen und weißem Stiel mit Knolle im WaldbodenFoto: via iNaturalist, licensed under CC0 1.0., CC0

Auf einen Blick

Bekannt für
WaldWaldgebietGebirge
Klassifikation
Stamm
Basidiomycota
Klasse
Agaricomycetes
Ordnung
Agaricales
Familie
Amanitaceae
Gattung
Amanita
Art
Amanita muscaria

Mit seinem leuchtend roten, weiß gepunkteten Hut ist der Fliegenpilz einer der bekanntesten Pilze überhaupt – und zugleich einer der am meisten missverstandenen. Sein deutscher Name geht vermutlich auf seine frühere Nutzung als Fliegengift zurück, könnte aber auch von den psychoaktiven Wirkungen herrühren, die er beim Verzehr entfaltet.

Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) ist ein Ständerpilz aus der Familie der Wulstlingsverwandten (Amanitaceae). Ursprünglich stammt er aus den gemäßigten und borealen Wäldern der Nordhalbkugel, hat sich aber mittlerweile auch auf der Südhalbkugel eingebürgert, wo er mit eingeführten Bäumen neue Symbiosen eingeht und sich in manchen Regionen invasiv ausbreitet.

Kaum ein anderer Pilz hat die menschliche Kultur so geprägt: von schamanischen Ritualen in Sibirien bis zu Märchenfiguren und Weihnachtsmythen. Wer sich mit dem Fliegenpilz beschäftigt, findet Biologie, Giftkunde und Kulturgeschichte in einem einzigen, unverwechselbaren Fruchtkörper vereint.

Fruchtkörper und Bestimmung

Das zuverlässigste Merkmal des Fliegenpilzes ist sein charakteristischer Entwicklungsweg: Junge Fruchtkörper brechen als weiße, eiförmige Knollen aus dem Boden, deren Hülle – der sogenannte Universalschleier – beim Wachstum aufreißt und weiße bis gelbliche, pyramidenförmige Warzen auf dem Hut zurücklässt. Unter dieser Schleierhaut zeigt ein Anschnitt eine typische gelbliche Hautschicht, die zur Bestimmung beiträgt.

Mit zunehmendem Wachstum verändert sich der Hut von kugelig über halbkugelig bis hin zu flach ausgebreitet im Alter, wobei die namensgebende leuchtend rote Farbe durch den aufreißenden Schleier sichtbar wird. Der Hutdurchmesser reicht von 5 bis 30 Zentimetern; die Warzen wachsen dabei nicht mit, sondern wirken auf der größer werdenden Hutfläche zunehmend verstreut. Regen und zunehmendes Alter lassen die rote Farbe verblassen und die Warzen abfallen.

Die Lamellen stehen frei vom Stiel, sind weiß gefärbt und erzeugen ein ebenso weißes Sporenpulver; die ovalen Sporen messen 9–13 x 6,5–9 Mikrometer und färben sich mit Iod nicht blau. Der weiße, 5–20 Zentimeter hohe und 1–2 Zentimeter dicke Stiel ist leicht brüchig und faserig. An seiner Basis sitzt eine Knolle mit zwei bis vier deutlichen Ringen aus Schleierresten, während oberhalb davon ein breiter, mit dem Alter oft schlaffer weißer Ring die Reste des Partialschleiers zeigt, der einst die Lamellen bedeckte. Ein auffälliger Geruch fehlt meist, allenfalls ein milder, erdiger Duft ist wahrnehmbar.

Trotz seines markanten Aussehens wird der Fliegenpilz gelegentlich verwechselt: in Amerika mit Armillaria cf. mellea oder mit der essbaren mexikanischen Art Amanita basii, die dem europäischen Kaiserling Amanita caesarea ähnelt. Amanita caesarea unterscheidet sich jedoch durch einen durchgehend orange-roten Hut ohne weiße Warzen sowie durch gelbe statt weiße Stiele, Lamellen und Ring; auch die Volva ist ein durchgehender weißer Sack statt schuppiger Reste. In Australien kann die eingeschleppte Art mit der einheimischen Amanita xanthocephala verwechselt werden, der die weißen Warzen und der Ring fehlen. Junge, noch geschlossene Fruchtkörper wiederum ähneln Bovisten.

Verbreitung und Lebensraum

Der Fliegenpilz ist auf der Nordhalbkugel heimisch und besiedelt Nadel- und Laubwälder der gemäßigten und borealen Zonen, von Alaska über Europa bis in höhere Lagen wärmerer Regionen wie dem Hindukusch, dem Mittelmeerraum und Mittelamerika. Molekulare Untersuchungen deuten auf einen Ursprung im sibirisch-beringischen Raum im Tertiär hin, von wo aus sich die Art nach Asien, Europa und Nordamerika ausgebreitet haben soll.

Als Ektomykorrhizapilz geht der Fliegenpilz Symbiosen mit zahlreichen Bäumen ein, darunter Kiefer, Eiche, Fichte, Tanne, Birke und Zeder. Bevorzugt wächst er auf sauren Böden unter Birken und Fichten, oft in Gesellschaft des Steinpilzes (Boletus edulis) und gelegentlich in Hexenringen.

Mit importierten Kiefernsetzlingen gelangte die Art auch auf die Südhalbkugel und ist heute in Australien, Neuseeland, Südafrika und Südamerika zu finden, etwa in den brasilianischen Bundesstaaten Paraná, São Paulo, Minas Gerais und Rio Grande do Sul. In Neuseeland, Tasmanien und Victoria verhält sie sich wie ein pilzliches Unkraut und bildet neue Symbiosen mit Scheinbuchen (Nothofagus); in Australien dringt sie zudem in Regenwälder vor und breitet sich Berichten zufolge weiter nordwärts aus, mit aktuellen Funden nahe Port Macquarie an der Nordküste von New South Wales. 2010 wurde sie unter Hänge-Birken (Betula pendula) im westaustralischen Manjimup nachgewiesen und wächst dort regelmäßig auch bei Pinus radiata.

GBIF-Beobachtungsdaten zeigen ein ausgeprägtes saisonales Muster mit einem deutlichen Höhepunkt der Meldungen im Oktober – das passt zur bekannten Fruchtsaison im Spätsommer und Herbst, die an der nordamerikanischen Pazifikküste bis in den frühen Winter reicht. Solche Beobachtungszahlen spiegeln jedoch nur die Präsenz gemeldeter Funde wider, nicht die tatsächliche Häufigkeit oder das vollständige Verbreitungsgebiet der Art.

Karte der dokumentierten Nachweise von Amanita muscaria
Wo die Art nachgewiesen wurde · GBIF
165.702
JanFebMärAprMaiJunJulAugSepOktNovDez
Monatliche Vorkommenszahlen · GBIF

Nutzung und Kulturgeschichte

In vielen Kulturen der Nordhalbkugel spielte der Fliegenpilz eine spirituelle Rolle: Belege für seine Verwendung in rituellen Getränken reichen bis zu 4.000 Jahre zurück. Indigene Völker Sibiriens, Skandinaviens, Osteuropas und Russlands schrieben ihm heilkundliche Eigenschaften zu, und die bis heute auf der Kamtschatka-Halbinsel lebenden Korjaken verehren ihn nach ihrer Überlieferung als „göttliche Gabe“ des Wesens Big Raven. In der osteuropäischen Folklore ist der Pilz eng mit Magie und Märchen verwoben, und es gibt Spekulationen, dass sogar der in den Veden erwähnte Ritualtrank Soma des Hinduismus aus diesem Pilz hergestellt worden sein könnte.

Die berauschende Wirkung geht auf die Substanzen Ibotensäure und Muscimol zurück, wobei Ibotensäure im Körper teilweise zu Muscimol umgewandelt wird. Eine wirksame Dosis für Erwachsene liegt bei etwa 6 Milligramm Muscimol beziehungsweise 30 bis 60 Milligramm Ibotensäure – ungefähr die Menge, die in einem einzigen Hut enthalten sein kann. Gehalt und Verhältnis der Stoffe schwanken jedoch stark je nach Region und Jahreszeit, wobei Frühjahrs- und Sommerpilze bis zu zehnmal mehr dieser Substanzen enthalten können als Herbstexemplare. Da die wirksamen Stoffe wasserlöslich sind, lässt sich der Pilz durch Abkochen und Wegschütten des Kochwassers teilweise entgiften; Trocknung dagegen erhöht die Wirkung, da dabei Ibotensäure verstärkt in Muscimol umgewandelt wird. Bei den Samen ist zudem ein traditioneller Brauch überliefert, den Pilz über den Stoffwechsel von Rentieren zu verarbeiten.

Der Fliegenpilz prägte auch die Symbolwelt: Sein rot-weißes Erscheinungsbild wird mit dem nordischen Gott Odin sowie mit den Ursprüngen der Figur des Weihnachtsmanns in Verbindung gebracht. Trotz seines Rufs als extrem gefährlicher Pilz gilt eine tödliche Vergiftung durch Amanita muscaria bei moderner medizinischer Behandlung heute als sehr selten.

Wissenswertes

  1. Rituelle Nutzung des Fliegenpilzes lässt sich bis zu 4.000 Jahre zurückverfolgen.
  2. Nach der Überlieferung der Korjaken auf Kamtschatka gilt der Pilz als Geschenk des mythischen Wesens Big Raven.
  3. Manche Forscher vermuten im indischen Ritualgetränk Soma aus den Veden eine Verbindung zum Fliegenpilz – belegt ist dies jedoch nicht.

Ökologie

Lebensraum

  • Wald
  • Waldgebiet
  • Gebirge

Fotos

15 Fotos
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Ein Fliegenpilz mit leuchtend rotem, weiß gepunktetem Hut, weißen Lamellen und weißem Stiel mit Knolle im WaldbodenFoto: via iNaturalist, licensed under CC0 1.0., CC0

QuellenGBIFiNaturalistWikidataWikipediaEncyclopedia of Life