Der Kiebitz vollführt während der Brutzeit einen geradezu verrückten Taumelflug, bei dem das Männchen ununterbrochen ruft, um sein Revier zu markieren und Weibchen zu beeindrucken.
Der Kiebitz (Vanellus vanellus) gehört zur Familie der Regenpfeiferverwandten (Charadriidae) und ist über weite Teile des gemäßigten Eurasiens verbreitet. Die IUCN stuft die Art als gefährdet ein.
Seine auffällige Federholle, das schwarz-weiße Gefieder und sein akrobatischer Balzflug machen ihn zu einem der unverkennbarsten Watvögel Europas.
Identifikation und Erscheinungsbild
Das auffälligste Merkmal des Kiebitz ist seine lange, schmale Federholle auf dem Kopf, die bei Männchen besonders ausgeprägt ist. Mit einer Körperlänge von 28 bis 33 Zentimetern, einer Flügelspannweite von 67 bis 87 Zentimetern und einem Gewicht von 128 bis 330 Gramm zählt er zu den mittelgroßen Watvögeln.
Der Körperbau wirkt gedrungen, mit runden Flügeln und den kürzesten Beinen aller Kiebitzarten. Das Gefieder erscheint aus der Ferne schwarz-weiß, zeigt bei näherer Betrachtung jedoch einen grünlichen Schimmer auf dem Rücken. Männchen tragen eine schwarze Krone, Kehle und Brust, die scharf von einem ansonsten weißen Gesicht abgesetzt sind.
Weibchen und Jungvögel besitzen kürzere Hollen und weniger scharf gezeichnete Kopfmuster, ähneln in der Gesamterscheinung aber den Männchen.
Während der Brutzeit ist der Kiebitz zudem sehr laut: Neben dem typischen "pee-wit" gibt er im Balzflug ein charakteristisches "pee-wit, wit wit, eeze wit" sowie quiekende und miauende Laute von sich.
Verbreitung und Lebensraum
Der Kiebitz ist ein typischer Bewohner landwirtschaftlich genutzter Flächen. Brutpopulationen bevorzugen feuchte Wiesen, Weiden und kurzrasige Grasflächen, während überwinternde Vögel offene Weideflächen, bewässertes Land, Flussufer und ähnliche Rastgebiete nutzen.
Für den Nestbau sind kurze Grasnarben unter 10 Zentimetern Höhe mit wenigen Grasbüscheln nötig, weshalb Beweidung durch Rinder die Habitatqualität in produktiven Agrarlandschaften erhöht. Wichtig ist außerdem feuchter Boden mit reichem Vorkommen an Boden- und Oberflächenorganismen als Nahrungsgrundlage.
Die Art besiedelt gemäßigte Zonen in Höhenlagen von 200 bis 1.000 Metern, im Mittel um 400 Meter. Die monatlichen Beobachtungszahlen zeigen einen deutlichen Anstieg im März und April, was auf verstärkte Präsenz während der Brutzeit hindeutet, während die Werte im Winter merklich niedriger liegen.
Der Kiebitz ist ein Zugvogel über weite Teile seines Verbreitungsgebiets und überwintert bis nach Nordafrika, Nordindien, Nepal, Bhutan und Teile Chinas. Population in den westlichsten Tieflagen Europas bleiben dagegen ganzjährig ansässig.

Verhalten und Lebensweise
Der Kiebitz ist tagaktiv, wandert saisonal und lebt meist einzelgängerisch, verteidigt jedoch sein Brutrevier energisch. Nest und Jungvögel werden furchtlos gegen Eindringlinge verteidigt, selbst gegen Pferde und Rinder.
Weibchen zeigen drei Stufen aggressiven Verhaltens gegenüber rivalisierenden Weibchen, wenn es um männliche Brutfürsorge geht: einen aggressiven Lauf mit zurückgezogenem Hals und aufgeplustertem Gefieder, Bodenangriffe mit Picken, Schlagen oder Treten, sowie Luftangriffe im Sturzflug. Männchen zeigen dieses Verhalten kaum.
Der Zug erfolgt überwiegend tagsüber, häufig in großen Schwärmen. Im Winter bilden Kiebitze riesige Ansammlungen auf offenem Land, besonders auf Ackerflächen und Schlickwatten. Dabei vergesellschaften sie sich oft mit Goldregenpfeifern und Lachmöwen, die zwar Nahrung stehlen, aber auch einen gewissen Schutz vor Fressfeinden bieten.
Eine besondere Jagdtechnik ist das sogenannte "Wurm-Locken": Der Vogel trommelt mit einem Bein auf den Boden, um Würmer an die Oberfläche zu treiben. Wie der Goldregenpfeifer bevorzugt der Kiebitz zudem die Nahrungssuche bei Mondlicht.
Kommunikation
Der Kiebitz kommuniziert vor allem über Gesangsflüge, bei denen eine feste Abfolge von Flugmanövern mit einer Lautfolge kombiniert wird. Diese Gesangsflüge beginnen kurz vor Sonnenaufgang, sind zunächst kurz und unvollständig, dauern dann bis zu einer Stunde und flauen ab, bevor sie um die Mittagszeit und erneut bei Sonnenuntergang wieder auftreten.
Neben Revierrufen unterscheidet der Kiebitz mehrere funktionale Ruftypen: Kontakt- und Alarmrufe beim Verlassen des Nests, oft im Chor vorgetragen, Warnrufe bei erkannter Gefahr am Boden, Entwarnungsrufe zum Sammeln der Jungen nach dem Verstecken, Paarungsrufe, die das Männchen mit einem geduckten Lauf oder Scharrbewegungen begleitet, sowie Ablenkungsrufe bei akuter Gefahr, verbunden mit einem Täuschungsverhalten gegenüber dem Bedroher.
Diese Signale werden sowohl visuell als auch akustisch übermittelt und ermöglichen eine abgestufte Reaktion auf unterschiedliche Bedrohungslagen.
Jagd und Ernährung
Der Kiebitz sucht seine Nahrung überwiegend tagsüber am Boden und nutzt dabei eine besondere Technik: Er trommelt mit einem Bein auf den Erdboden, um Regenwürmer an die Oberfläche zu locken, eine Methode, die als "Wurm-Locken" bekannt ist.
Bevorzugte Nahrungsgründe sind Zuckerrübenstoppeln, daneben spielen Würmer, weitere wirbellose Tiere, kleine Fische sowie Samen und andere Pflanzenteile eine große Rolle. Weideland bietet die höchste Dichte an Regenwürmern, während Ackerland deutlich weniger Nahrung liefert.
Für die Küken sind Regenwürmer und Wiesenschnaken besonders wichtig, da sie leicht zu finden sind und den Energiebedarf der Jungvögel decken.
Wie der Goldregenpfeifer bevorzugt der Kiebitz die Nahrungssuche bei Mondlicht in der Nacht.
Nestbau und Brut
Die Brutzeit des Kiebitz erstreckt sich von April bis Juli, wobei die Vögel in der Regel einzeln als monogame Paare brüten. Weibchen werden bereits mit einem Jahr geschlechtsreif, und Paare bestehen häufig aus gleichaltrigen Individuen. Die Brutplätze liegen meist innerhalb von 50 Kilometern des Geburtsgebiets, wobei die Vögel bereits ab Januar zu ihren Brutgründen zurückkehren.
Gebrütet wird meist nur ein Gelege mit vier Eiern, die in eine flache Bodenmulde gelegt werden. Da Gelege häufig von Prädatoren zerstört werden, bevor sie vollständig sind, legt das Weibchen die verbleibenden Eier trotzdem und bebrütet ein unvollständiges Gelege; vollständige Ersatzgelege kommen ebenfalls häufig vor. Ein Ei wird etwa alle eineinhalb Tage gelegt, die Bebrütung dauert rund 25 Tage, wobei die Zeit bis zum Schlüpfen zwischen 22 und 28 Tagen liegen kann.
Nest und Jungvögel werden von beiden Elternteilen betreut, wobei gelegentlich ein Elternteil das Nest verlässt, bevor die Küken flügge sind. Kurz nach dem Schlüpfen verlassen die Familien das Nest, um die Jungen, die als Nestflüchter selbstständig Nahrung aufnehmen können, an einem anderen Ort aufzuziehen. Dabei verbringen Weibchen mehr Zeit mit Brüten und Jungenaufzucht, während Männchen typischerweise das Nest verteidigen, wobei diese Rollenverteilung in manchen Fällen auch umgekehrt sein kann.
Bestand und ökologische Rolle
Über die ökologische Bedeutung des Kiebitz liegen kaum gezielte Untersuchungen vor. Als Beutetier zahlreicher Prädatoren spielt er jedoch eine Rolle im Nahrungsnetz, und durch seine Jagd auf wirbellose Tiere kann er lokal deren Bestände beeinflussen.
Schutz und Bedrohungen
Der Kiebitz ist als "gefährdet" auf der Roten Liste der IUCN eingestuft. Historisch gingen die Bestände durch Übernutzung von Land, Entwässerung von Feuchtgebieten und das Sammeln von Eiern zurück.
Heute bedroht vor allem die intensive landwirtschaftliche Nutzung von Grünland und Feuchtgebieten den Bruterfolg. Frühjahrsbestellung von Ackerflächen zerstört häufig Gelege, und die Einführung neuer Säugetierprädatoren verschärft den Druck durch Nestprädation. An der Ostseeküste sind Rastgebiete zudem durch Ölverschmutzung, Verbuschung infolge veränderter Landnutzung und Landaufgabe gefährdet. In England und Wales zeigten nationale Erhebungen zwischen 1987 und 1998 einen Bestandsrückgang, seit 2009 steht der Kiebitz dort auf der Roten Liste. Im Nahen Osten bedroht zudem die Bejagung während des Winterzugs große Zahlen der Vögel, in Armenien werden Landnutzungsintensivierung und Jagd als Ursachen für Rückgänge vermutet.
Maßnahmen zur Eindämmung dieser Rückgänge umfassen vor allem die Wiedervernässung und Wiederherstellung von Feuchtwiesen. In England bietet Natural England im Rahmen eines Förderprogramms die Option "Fallow plots for ground-nesting birds" an: unbewirtschaftete Flächen von mindestens 2 Hektar Größe in geeigneten Ackerflächen, die als Nist- und Nahrungshabitat dienen, besonders wenn sie sich in der Nähe extensiv beweideter Weiden befinden.
Kulturelle Bedeutung
In mehreren Ländern wie Iran, Frankreich, Italien, Griechenland und Spanien wird der Kiebitz sowohl kommerziell als auch zur Freizeitjagd als Nahrungsquelle bejagt. Im viktorianischen Europa galten "Kiebitzeier" als teure Delikatesse, erwähnt etwa in Evelyn Waughs Roman "Wiedersehen mit Brideshead", der im britischen Adel der 1920er bis 1940er Jahre spielt.
In den Niederlanden, besonders in der Provinz Friesland, gibt es einen traditionellen Wettbewerb um das erste Kiebitzei des Jahres (het eerste kievietsei). Das Sammeln der Eier ist mittlerweile durch die EU verboten, das bloße Suchen jedoch zwischen dem 1. März und 9. April erlaubt. Über das letzte Jahrhundert wurde das erste gefundene Ei zunehmend früher im Jahr entdeckt, was auf verstärkten Düngereinsatz und den Klimawandel zurückgeführt wird.
In Irland wurde der Kiebitz 1990 von einem Komitee der Irish Wildlife Conservancy zum Nationalvogel der Republik Irland erklärt. Auf Irisch heißt er pilibín ("kleiner Philip"), vermutlich eine Anspielung auf Philipp II. von Spanien, der oft eine Feder am Hut trug.
Wissenswertes
- Der wissenschaftliche Name Vanellus leitet sich vom lateinischen Wort für "kleiner Fächer" (vannus, eine Getreideschwinge) ab und bezieht sich vermutlich auf das Geräusch der Flügelschläge.
- In der englischen Übersetzung von Ovids Metamorphosen wird die Verwandlung des Tereus mit einem Vogel in Verbindung gebracht, der als "lapwing" übersetzt wird, wobei Ovid vermutlich eigentlich den Wiedehopf meinte.
- Der Kiebitz gehört zu den Arten, für die das Abkommen zur Erhaltung afrikanisch-eurasischer wandernder Wasservögel (AEWA) gilt.
Fotos
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Ökologie und Klassifikation
Verhalten
- Räuber
- Territorial
- Tagaktiv
- Zugvogel
Ernährung
- Allesfresser
Klassifikation
- Stamm
- Chordata
- Klasse
- Aves
- Ordnung
- Charadriiformes
- Familie
- Charadriidae
- Gattung
- Vanellus
- Art
- Vanellus vanellus
Quellen
- GBIF Species names and classification
- iNaturalist Photos
- Wikidata Common names and conservation status
- Wikipedia Summary extract
- Animal Diversity Web Animal habitat, behavior and diet
- AnAge Longevity



