Mit einer Länge von bis zu 29,9 bis 30,5 Metern und einem Gewicht von 190 bis 200 Tonnen ist der Blauwal (Balaenoptera musculus) das größte Tier, das jemals auf der Erde gelebt hat.
Der Blauwal gehört zur Familie der Furchenwale (Balaenopteridae) innerhalb der Bartenwale und lebt in allen Weltmeeren, von gemäßigten über tropische bis zu polaren Gewässern. Vier Unterarten werden unterschieden: B. m. musculus im Nordatlantik und Nordpazifik, B. m. intermedia im Südpolarmeer, B. m. brevicauda im Indischen Ozean und südlichen Pazifik sowie B. m. indica im nördlichen Indischen Ozean. Eine Population vor der Küste Chiles könnte eine fünfte, eigenständige Unterart bilden.
Der Blauwal fasziniert nicht nur wegen seiner schieren Größe, sondern auch, weil sein Bestand nach Jahrzehnten intensiver Bejagung bis heute um sein Überleben ringt.
Identifikation und Erscheinungsbild
Das auffälligste Erkennungsmerkmal des Blauwals ist sein schlanker Körper mit breitem, U-förmigem Kopf, dünnen, langen Flippern und einer auffällig kleinen, sichelförmigen Rückenfinne nahe dem Schwanzstiel. Die Haut ist graublau und unregelmäßig gefleckt, wobei das Fleckenmuster in der Nähe der Rückenfinne von Tier zu Tier variiert; unter Wasser erscheint das Tier oft leuchtend blau. Der Unterbauch ist heller und kann durch Kieselalgen im Wasser gelblich schimmern, was dem Blauwal historisch den Beinamen „Schwefelbauch“ einbrachte. Vereinzelt kommen auch vollständig weiße, albinotische Individuen vor.
Erwachsene Tiere erreichen ein Gewicht von bis zu rund 136 Tonnen. Im Oberkiefer sitzen 70 bis 400 schwarze Barten von weniger als einem Meter Länge, mit denen die Nahrung gefiltert wird. Am Unterkiefer und der Kehlregion liegen 60 bis 88 Längsfurchen, die sich beim Fressen dehnen und so ein gewaltiges Wasservolumen aufnehmen können. Zwei Blaslöcher erzeugen einen Atemstoß, der 9 bis 12 Meter hoch aufsteigt und den Blauwal schon aus großer Entfernung erkennbar macht.
Weibchen sind größer als Männchen: In der Antarktis erreichen ausgewachsene Weibchen im Mittel 25,4 bis 26,6 Meter, während Männchen etwas kürzer bleiben. Die längsten je wissenschaftlich vermessenen Tiere lagen bei knapp 30 Metern, wobei einzelne, weniger gesicherte Meldungen sogar über 33 Meter angeben. Solche Extremwerte werden in der Fachwelt jedoch kontrovers diskutiert, da hydrodynamische Modelle eine Obergrenze von etwa 33 Metern aus energetischen Gründen nahelegen.
Verbreitung und Lebensraum
Blauwale bewohnen den offenen Ozean und meiden Küstennähe weitgehend. Sie kommen in gemäßigten, tropischen und polaren Meeresgebieten vor und halten sich fast ausschließlich im pelagischen, salzhaltigen Freiwasser auf, fernab von Riffen oder Flachwasserzonen.
Monatliche Beobachtungsdaten zeigen die höchste Zahl an Sichtungen im Januar, mit einem deutlichen Abfall im Frühjahr und einem zweiten, schwächeren Anstieg zwischen Juli und September. Solche Zahlen spiegeln jedoch nur gemeldete Beobachtungen wider, nicht die tatsächliche Bestandsgröße oder das vollständige Verbreitungsgebiet, und sollten entsprechend vorsichtig interpretiert werden.
Das Muster passt zum bekannten Wanderverhalten der Art: Viele Populationen verbringen den Winter in niedrigeren Breiten und ziehen im Frühjahr Richtung Pole, wo sie im Sommer in nahrungsreichen Gewässern fressen. Nord- und Südhemisphären-Populationen bleiben dabei getrennt und mischen sich nicht.

Verhalten und Lebensweise
Blauwale leben meist einzeln oder in lockeren Paaren, können sich aber bei hoher Nahrungsverfügbarkeit in Gruppen von mehr als 50 Tieren zusammenfinden. Die meisten Populationen sind wandernd: Sie verbringen den Winter in wärmeren, niedrig gelegenen Breiten, ziehen im Frühjahr polwärts und erreichen im Sommer ihre Nahrungsgründe in hohen Breiten, bevor sie im Herbst zurückkehren. Manche Tiere weichen von diesem Muster ab und bleiben ganzjährig ortstreu, andere wandern nur teilweise oder abhängig von Alter und Geschlecht. Die Tiere scheinen sich an bewährte Fressgebiete zu erinnern und diese gezielt wieder aufzusuchen.
Beim normalen Schwimmen bewegen sich Blauwale mit 2 bis 8 Kilometern pro Stunde, bei Begegnungen mit Booten, Raubtieren oder Artgenossen können sie kurzfristig auf 32 bis 48 Kilometer pro Stunde beschleunigen. Wegen ihrer enormen Körpermasse ist ihre Fähigkeit zu springen stark eingeschränkt.
Beim Fressen tauchen Blauwale meist in Tiefen unter 100 Metern, wobei Tauchgänge in der Regel 10 bis 20 Minuten dauern und von 8 bis 15 Atemstößen an der Oberfläche gefolgt werden. Der tiefste bei besenderten Tieren gemessene Tauchgang erreichte 315 Meter, bei Zwergblauwalen sogar 506 Meter. In großer Tiefe sinkt die Herzfrequenz auf nur 2 Schläge pro Minute, steigt beim Auftauchen aber rasch auf bis zu 37 Schläge pro Minute an – nahe dem physiologischen Maximum der Art.
Kommunikation
Blauwale erzeugen einige der lautesten und tiefsten Laute im Tierreich, mit Grundfrequenzen zwischen 8 und 25 Hertz und Lautstärken von bis zu 188 bis 200 Dezibel. Solche extrem tiefen, kraftvollen Töne können sich über Tausende von Kilometern im tiefen Ozean ausbreiten und dienen vermutlich der Kommunikation über weite Distanzen sowie möglicherweise der akustischen Orientierung anhand ferner Meeresstrukturen.
Bei der gut untersuchten Population im östlichen Nordpazifik wurden mehrere Ruftypen unterschieden: pulsierende A-Rufe, tonale B-Rufe, aufsteigende C-Töne vor B-Rufen und abfallende D-Töne. A- und B-Rufe werden oft in wiederholten Sequenzen nur von Männchen gesungen, was auf eine Funktion bei der Partnerwerbung hindeutet. D-Rufe kommen dagegen bei beiden Geschlechtern vor, etwa bei sozialen Interaktionen während des Fressens oder wenn Männchen um Weibchen konkurrieren.
Auffällig ist, dass die Tonhöhe der Gesänge über Jahrzehnte gesunken ist: Bei der Population im östlichen Nordpazifik nahm die Frequenz zwischen den frühen 1960er- und den frühen 2000er-Jahren um 31 Prozent ab. Eine mögliche Erklärung ist zunehmender sexueller Selektionsdruck, da eine tiefere Stimme auf einen größeren, kräftigeren Körper hindeuten könnte, doch manche Untersuchungen sehen den Trend eher als kulturelles Phänomen.
Filtrierende Ernährung
Blauwale ernähren sich durch Filtrieren riesiger Wassermengen, die sie mit weit geöffnetem Maul aufnehmen. Die 60 bis 88 Längsfurchen an Kehle und Unterkiefer dehnen sich dabei stark aus, sodass ein enormes Volumen an Wasser samt Beute verschluckt werden kann; anschließend presst der Wal das Wasser durch seine bis zu einen Meter langen Barten und filtert die Beutetiere heraus.
Die Beute besteht praktisch ausschließlich aus Krill, kleinen planktonischen Krebstieren. In den Gewässern der Südhalbkugel dominiert die Antarktische Krillart Euphausia superba, die weniger als 7 Zentimeter groß, aber in enormer Zahl vorhanden ist. In nördlichen Gewässern fressen Blauwale vor allem Thysanoessa inermis und Meganyctiphanes norvegica, gelegentlich auch andere planktonische Arten und kleine Fische.
Der tägliche Nahrungsbedarf eines erwachsenen Blauwals ist gewaltig: Ein Tier kann 3 bis 4 Tonnen Krill pro Tag aufnehmen, um seine enorme Körpermasse zu erhalten und, bei Weibchen, die energieaufwendige Säugezeit zu bewältigen.
Fortpflanzung und Jungenaufzucht
Über das eigentliche Paarungsverhalten der Blauwale ist wenig bekannt, doch die Art gilt als polygyn: Männchen begleiten ein Weibchen und verteidigen es gegen Rivalen. Die Paarungszeit fällt in den Herbst und Winter, während die Geburten in warmen, niedrig gelegenen Gewässern der Wintermonate stattfinden, nachdem die erwachsenen Tiere von ihren Sommer-Fressgründen zurückgekehrt sind.
Die Tragzeit dauert ungewöhnlich kurz für ein so großes Tier: nur 10 bis 12 Monate. Kälber kommen bereits mit 6 bis 8 Metern Länge und 2 bis 3 Tonnen Gewicht zur Welt. Trächtige Weibchen fressen während der sommerlichen Nahrungsaufnahme täglich rund vier Prozent ihres Körpergewichts und legen so Reserven für die energieintensive Säugezeit an.
Beim Säugen nimmt ein Kalb täglich etwa 90 Kilogramm an Körpergewicht zu und trinkt dabei schätzungsweise 110 bis 320 Kilogramm fettreiche Muttermilch pro Tag. Nach 6 bis 8 Monaten wird das Jungtier entwöhnt, sobald es eine Länge von rund 16 Metern erreicht hat, und hat bis dahin bereits rund 17.000 Kilogramm zugelegt. Die Mutter allein kümmert sich um die Aufzucht; Männchen leisten keinen Beitrag zur Jungenpflege. Zwischen zwei Geburten liegen in der Regel 2 bis 3 Jahre, und die Weibchen werden meist im Alter von etwa 5 bis 10 Jahren geschlechtsreif.
Bestand und ökologische Rolle
Der weltweite Blauwalbestand wird für die Jahre 2015 bis 2018 auf 5.000 bis 15.000 geschlechtsreife und 10.000 bis 25.000 Tiere insgesamt geschätzt. Zum Vergleich: 1926, vor dem Höhepunkt des industriellen Walfangs, gab es allein mindestens 140.000 geschlechtsreife Tiere. Regional verteilt sich der heutige Bestand auf schätzungsweise 1.000 bis 3.000 Tiere im Nordatlantik, 3.000 bis 5.000 im Nordpazifik und 5.000 bis 8.000 in der Antarktis, während der Zwergblauwal möglicherweise 2.000 bis 5.000 Individuen umfasst.
Als einer der größten Fresser von Krill spielen Blauwale eine wichtige Rolle als Prädatoren im Nahrungsnetz der offenen Ozeane und regulieren indirekt die Bestände planktonischer Krebstiere. Natürliche Fressfeinde sind kaum dokumentiert; die einzigen bekannten Angriffe stammen von Orcas, die wegen des enormen Kraftaufwands vor allem Kälber angreifen. Fotoidentifikationsstudien zeigen etwa bei 3,7 Prozent der Blauwale vor Südostaustralien und bei 42,1 Prozent der Zwergblauwale vor Westaustralien typische Kratzspuren von Orca-Angriffen.
Schutz und Bedrohungen
Der Blauwal wird von der IUCN als gefährdet (Endangered) eingestuft und ist zusätzlich im Anhang I des Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES) sowie des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wildlebender Tierarten gelistet. Für einige Populationen, etwa die antarktische, gilt der Zustand sogar als vom Aussterben stärker bedroht, während für andere, wie den Zwergblauwal, schlicht zu wenig Daten zum aktuellen Bestandstrend vorliegen.
Die größte historische Bedrohung war der industrielle Walfang: Schätzungsweise 350.000 Tiere wurden im 20. Jahrhundert getötet, mit einem Höhepunkt zwischen 1930 und 1931, als allein 30.000 Blauwale erlegt wurden. Besonders betroffen war die Antarktis mit 350.000 bis 360.000 erbeuteten Tieren. 1966 verhängte die Internationale Walfangkommission ein weltweites Fangverbot, das die Art bis heute schützt; die Sowjetunion jagte jedoch illegal bis in die 1970er-Jahre weiter.
Heute stellen Schiffskollisionen eine der größten verbleibenden Bedrohungen dar, insbesondere vor der Westküste der USA, wo zwischen 1998 und 2019 mindestens 17 Blauwale durch Schiffsanfahrungen getötet wurden oder als getötet vermutet werden. Allein 2007 galten fünf Todesfälle vor Kalifornien als ungewöhnliches Massensterben-Ereignis nach dem US-Meeressäugerschutzgesetz.
Kulturelle Bedeutung
Über Jahrhunderte wurden Blauwale wegen ihres Specks und Öls stark bejagt: Ein einziges Tier konnte 70 bis 80 Fässer Öl liefern, was den Blauwal in seiner wirtschaftlichen Bedeutung nur vom Pottwal übertroffen sah. Auch die Barten fanden vielfältige Verwendung, da ihr plastikähnliches Material für zahlreiche Alltagsgegenstände genutzt wurde.
Heute hat sich die Bedeutung des Blauwals für den Menschen grundlegend gewandelt: Statt als Rohstoffquelle dient er vor allem dem Ökotourismus, bei dem lebende Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum beobachtet werden.
Wissenswertes
- Das Herz eines gestrandeten Blauwals aus dem Nordatlantik wog 180 Kilogramm – der höchste bekannte Wert für ein Herz bei einem Tier.
- Das Gehirn eines vermessenen Blauwals wog nur rund 3,6 Kilogramm, obwohl das Tier selbst etwa 50,9 Tonnen auf die Waage brachte.
- Der Atemstoß aus den beiden Blaslöchern kann bis zu 12 Meter hoch aufsteigen und ist oft schon aus großer Entfernung sichtbar.
- Wegen gelblich schimmernder Kieselalgen auf der hellen Unterseite trugen Blauwale früher den Beinamen „Schwefelbauch“.
- Vereinzelt gibt es vollständig weiße, albinotische Blauwale.
- DNA-Analysen von Walknochen aus isländischen Fundstätten zeigen, dass Isländer schon um das Jahr 900 nach Christus Blauwale jagten – damit gehören sie zu den frühesten bekannten Blauwaljägern der Menschheitsgeschichte.
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QuellenGBIFiNaturalistWikidataWikipediaAnimal Diversity WebAnAge


