Mit bis zu 2,7 Metern Länge und rund 500 Kilogramm Gewicht ist die Dermochelys coriacea, die Lederschildkröte, die größte lebende Schildkröte und das schwerste nicht-krokodilartige Reptil überhaupt.
Sie ist die einzige lebende Art der Gattung Dermochelys und der Familie Dermochelyidae und gehört zur Ordnung der Schildkröten (Testudines). Ihr Verbreitungsgebiet reicht über alle Ozeane, wobei mehrere genetisch unterschiedliche Bestände existieren. Die IUCN stuft die Art insgesamt als gefährdet (Vulnerable) ein, einzelne Teilpopulationen gelten jedoch als vom Aussterben bedroht.
Kaum eine andere Meeresschildkröte vereint so viele ungewöhnliche Anpassungen: Sie taucht tiefer als jedes andere Reptil, legt gewaltige Wanderstrecken zurück und überlebt in eiskalten Gewässern, in denen kein anderes Reptil dauerhaft jagt.
Identifikation und Erscheinungsbild
Das auffälligste Merkmal der Lederschildkröte ist das Fehlen eines knöchernen Panzers. Statt fester Hornschilde trägt sie dicke, ledrige Haut mit winzig eingelagerten Knochenplättchen (Osteodermen), durchzogen von sieben markanten Längsrippen, die vom Kopf- zum Schwanzende laufen. Dieser Verlust der Hornschilde ist unter Reptilien selten und findet sich sonst nur bei Weichschildkröten und der Papua-Weichschildkröte.
Erwachsene Tiere messen im Mittel 1 bis 1,75 Meter in der gebogenen Rückenpanzerlänge und 1,83 bis 2,2 Meter Gesamtlänge, bei einem Gewicht von 250 bis 700 Kilogramm. In der Karibik lag der Mittelwert bei etwa 384 Kilogramm und 1,55 Metern, in Französisch-Guayana bei 339 Kilogramm und 1,54 Metern. Das größte gesicherte Exemplar wurde am Strand von Sandspit in Pakistan gefunden und maß 213 Zentimeter bei 650 Kilogramm Gewicht; ein früherer Rekordanspruch aus Harlech gilt nach neueren Untersuchungen als unzuverlässig.
Der Körper ist stromlinienförmig und tropfenförmig gebaut, mit den im Verhältnis zum Körper größten Flossen aller Meeresschildkröten – bei großen Tieren können die Vorderflossen von Spitze zu Spitze bis zu 2,7 Meter messen. Krallen fehlen an beiden Flossenpaaren vollständig. Die Oberseite ist dunkelgrau bis schwarz mit weiß-rosa Sprenkeln gezeichnet, die Unterseite dagegen hell – eine klassische Gegenschattierung. Zähne fehlen; stattdessen besitzt das Tier spitze Kanten an der Oberlippe und nach hinten gerichtete Dornen im Rachen, die das Verschlucken glitschiger Beute erleichtern und ein Entkommen verhindern.
Frisch geschlüpfte Jungtiere unterscheiden sich kaum von denen anderer Meeresschildkröten: Sie messen im Schnitt nur 61,3 Millimeter Panzerlänge und wiegen etwa 46 Gramm.
Verbreitung und Lebensraum
Keine andere Meeresschildkröte hat ein so weites Verbreitungsgebiet wie die Lederschildkröte. Sie reicht im Norden bis nach Alaska und Norwegen und im Süden bis zum Kap Agulhas in Afrika und zur Südspitze Neuseelands. Damit besiedelt sie tropische, subtropische und sogar subarktische Gewässer – eine Ausnahme unter den Reptilien.
Drei genetisch unterscheidbare Hauptpopulationen leben im Atlantik, im östlichen und im westlichen Pazifik. Über die Bestände im Indischen Ozean liegen dagegen kaum gesicherte Daten vor, obwohl dort Neststrände bekannt sind.
Die Art ist überwiegend pelagisch und folgt tagsüber und nachts der vertikalen Wanderung ihrer Quallenbeute: tagsüber in größerer Tiefe, nachts näher der Oberfläche. Ein besendertes Tier legte auf einer einzigen Nahrungswanderung vom Strand Jen Womom in der Region Tambrauw in Südwest-Papua, Indonesien, bis in US-amerikanische Gewässer rund 20.000 Kilometer in 647 Tagen zurück. Dabei jagen Lederschildkröten zeitweise in Wassertemperaturen von nur 0,4 °C, bevor sie zur Erwärmung an die Oberfläche in rund 17,5 °C warmes Wasser zurückkehren. Zum Eierlegen bevorzugen sie Strände, die direkt an tiefes Wasser grenzen, und meiden Küsten, die durch Korallenriffe geschützt sind.
Beobachtungsdaten aus GBIF zeigen ein deutliches Muster mit den höchsten monatlichen Meldezahlen im Juni und Juli. Da es sich dabei nur um Anwesenheitsmeldungen und nicht um Bestandszahlen handelt, lässt sich daraus vorsichtig auf eine saisonal erhöhte Sichtbarkeit in diesen Monaten schließen, nicht aber auf die tatsächliche Bestandsgröße.

Verhalten und Lebensweise
Lederschildkröten leben meist einzeln und sind ständig in Bewegung: Sie wandern zwischen kalten Nahrungsgründen und tropischen Neststränden und suchen dabei gezielt Gebiete mit hoher Quallendichte auf.
Ihr Körper ist auf ein Leben im offenen Wasser ausgelegt. Sie tauchen bis in Tiefen von rund 1.000 Metern, um Quallenschwärme zu erreichen, und kehren nach solchen Tauchgängen regelmäßig an die wärmere Oberfläche zurück, um Körperwärme zurückzugewinnen, bevor der nächste Tauchgang in nahezu gefrierendes Wasser folgt.
Trotz ihres weichen Panzers sind erwachsene Tiere keineswegs wehrlos. Beobachtet wurde ein mittelgroßes Exemplar, das einen Hai verjagte, der es zu beißen versucht hatte, und anschließend seine Aggression gegen das Boot der menschlichen Beobachter richtete.
Jagd und Ernährung
Lederschildkröten jagen, indem sie der täglichen vertikalen Wanderung ihrer gallertartigen Beute folgen: Tagsüber halten sie sich in größerer Tiefe auf, wo sich die Quallen bei Tageslicht aufhalten, und steigen nachts mit ihnen in flachere Wasserschichten auf. So finden sie gezielt Bereiche mit hoher Beutedichte, statt wahllos zu jagen.
Ihre Hauptnahrung besteht aus Quallen und Salpen. Anders als andere Meeresschildkröten besitzen sie keine kräftige Kaumuskulatur und keinen harten Kieferapparat zum Zerkleinern von Hartschalentieren, sondern scharfkantige Kiefer, die auf weichkörperige Beute spezialisiert sind.
Ein besonderes Merkmal ist die Speiseröhre: Sie ist innen mit kurzen, nach hinten gerichteten Dornen ausgestattet, die verhindern, dass geschluckte Quallen wieder entkommen.
Gelegentlich fressen sie auch kleine Krebstiere, Fische, Kopffüßer, Seeigel und Schnecken, wobei manche dieser Beutetiere möglicherweise als Mitbewohner der Quallen mitgefressen werden.
Nestbau und Brut
Die Paarung findet ausschließlich im Wasser statt, meist vor den bevorzugten Neststränden der Weibchen. Männchen wandern bereits vor Beginn der Nistsaison in diese Küstengewässer und versuchen, sich mit möglichst vielen Weibchen zu paaren – ein promiskuitives (polygynandrisches) Paarungssystem. Nach dem Auffinden eines Weibchens, das möglicherweise über Duftstoffe seine Paarungsbereitschaft signalisiert, prüft das Männchen deren Empfänglichkeit durch Kopfbewegungen, Stupsen, Bisse und Flossenbewegungen. Die Befruchtung ist innerlich, und meist paaren sich mehrere Männchen mit demselben Weibchen, ohne dass dies dem Nachwuchs einen belegten Vorteil bringt. Männchen betreten dabei niemals das Land.
Zwischen April und November schwimmt das Weibchen nachts an Land, um zu nisten. Es gräbt mit den Flossen eine Nestgrube und legt ein Gelege von etwa 50 bis 170 Eiern ab, von denen jedoch ein großer Anteil dotterlos ist und sich nicht weiterentwickelt. Anschließend verschließt es das Nest sorgfältig mit Sand, um es vor Fressfeinden zu tarnen und Temperatur und Feuchtigkeit zu regulieren, bevor es ins Meer zurückkehrt.
Ein einzelnes Weibchen legt pro Saison etwa fünf bis sieben Gelege, mit rund neun bis zehn Tagen Abstand zwischen den Nistgängen. Im Schnitt entwickeln sich aus einem Gelege etwa 105 Nachkommen; zur nächsten Nistsaison kehrt das Weibchen meist erst nach zwei bis drei Jahren wieder zurück.
Die Eier brüten etwa 55 bis 75 Tage im warmen Sand, bevor die Jungtiere schlüpfen. Elterliche Fürsorge gibt es darüber hinaus nicht: Die Schlüpflinge sind vom ersten Moment an auf sich gestellt und müssen selbst den Weg ins Meer finden. Die Geschlechtsreife tritt je nach Population zwischen 5 und 21 Jahren ein; die Lebenserwartung liegt bei etwa 30 Jahren.
Bestand und ökologische Rolle
Die weltweite Zahl nistender Weibchen wird auf jährlich 26.000 bis 43.000 Tiere geschätzt – ein drastischer Rückgang gegenüber den rund 115.000 Weibchen, die 1980 noch angenommen wurden.
Als Fressfeind ernährt sich die Lederschildkröte vor allem von Quallen und anderen gallertartigen Organismen. Welchen Einfluss dies auf die Bestände ihrer Beutetiere hat, ist nicht genau bekannt, könnte aber vor dem Rückgang der Schildkrötenpopulationen erheblich gewesen sein. Auf der Haut der Tiere lebt zudem die Rankenfußkrebs-Art Conchoderma virgatum als Mitbewohner.
Gleichzeitig ist die Art selbst wichtige Nahrungsquelle für andere Tiere: Eier und frisch geschlüpfte Jungtiere werden von zahlreichen Landraubtieren und Vögeln in Strandnähe erbeutet, und verwesende Kadaver angeschwemmter Tiere bilden über Tage hinweg kleine Ökosysteme aus Aasfressern wie Fliegen und Käfern. Ausgewachsene Tiere haben dagegen kaum natürliche Feinde, abgesehen von gelegentlichen Angriffen durch Orcas, Weiße Haie, Tigerhaie sowie – an Land – Jaguare und Salzwasserkrokodile bei nistenden Weibchen.
Schutz und Bedrohungen
Die IUCN stuft die Lederschildkröte insgesamt als gefährdet (Vulnerable) ein, doch einzelne Teilpopulationen gelten als deutlich stärker bedroht. Die pazifische Population etwa ist innerhalb eines Jahrzehnts um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen; Schätzungen des WWF gehen von nur noch rund 2.300 erwachsenen Weibchen aus, womit sie die am stärksten gefährdete Teilpopulation aller Meeresschildkröten darstellt.
Die größte Bedrohung ist die kommerzielle Fischerei: Tiere verfangen sich in Netzen und Schleppnetzen und ertrinken, oder sie werden durch Langleinen und Fangleinen verletzt oder getötet. Hinzu kommt das Absammeln von Eiern an Neststränden. Zunehmend gefährlich ist außerdem verschluckter Plastikmüll, den die Tiere offenbar mit Quallen verwechseln; er verstopft den Verdauungstrakt und führt zum Tod.
Ein drastisches Beispiel liefert der einst weltweit größte Nistplatz am Strand von Rantau Abang in Terengganu, Malaysia, an dem früher jährlich rund 10.000 Nester gezählt wurden. Übermäßiges Absammeln von Eiern und eine fehlgeleitete Schutzmaßnahme – die künstliche Bebrütung der Eier an falsch temperierten Stellen, die wegen der temperaturabhängigen Geschlechtsbestimmung fast nur Weibchen hervorbrachte – führten zum praktischen Erlöschen dieser Population; 2008 nisteten dort nur noch zwei Tiere mit unfruchtbaren Eiern, während heute nur noch kleine Bestände in Südthailand existieren.
Zum Schutz der Art wurde sie in Anhang I des Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES) aufgenommen, was jeden internationalen Handel verbietet, und in den USA als gefährdet gelistet. Der US-amerikanische „Marine Turtle Conservation Act“ von 2004 fördert Schutzprojekte auch außerhalb der USA. An vielen Neststränden wurden Schutzgebiete eingerichtet, und in einigen Regionen laufen Programme zur Bebrütung gefährdeter Gelege in Gefangenschaft.
Schutzstatus
- LC
- NT
- VU
- EN
- CR
Gefährdet
Kulturelle Bedeutung
Für die Seri, ein indigenes Volk aus dem mexikanischen Bundesstaat Sonora, hat die Lederschildkröte tiefe kulturelle Bedeutung: Sie gilt als eine von fünf zentralen Schöpferfiguren. Wird ein Tier gefangen, widmen ihm die Seri Zeremonien und Feste, bevor sie es wieder freilassen. Angesichts des starken Bestandsrückgangs gründeten Jugendliche und Ältere der Gemeinschaft die Initiative Grupo Tortuguero Comaac, die traditionelles Wissen mit moderner Technik zum Schutz der Tiere verbindet.
Im malaysischen Bundesstaat Terengganu ist die Lederschildkröte das Wappentier und taucht regelmäßig in touristischer Werbung auf. Auf der Banks-Halbinsel im Süden Neuseelands besitzt sie große spirituelle Bedeutung für die Koukourārata-Hapū von Ngāi Tahu und darüber hinaus für weitere Völker Polynesiens; 2021 bestattete der neuseeländische Naturschutzdienst ein totes Tier zeremoniell in einer Höhle auf der Insel Horomaka, entsprechend den Bräuchen der örtlichen Hapū.
Ob ihres möglicherweise giftigen Fleisches wird sie in manchen Regionen trotzdem gegessen, ebenso ihre Eier, und aus dem Körperfett wird Öl gewonnen, das medizinisch und zum Wasserfestmachen genutzt wird. Zugleich hat die Art einen positiven Nutzen für Menschen: Sie frisst Quallen, die für Schwimmer und für die Fischzucht ein Ärgernis darstellen können – ein erwachsenes Tier verzehrt Schätzungen zufolge zwischen 1.000 und 3.650 Kilogramm Quallen pro Jahr.
Wissenswertes
- Das größte je sicher vermessene Exemplar wurde am Strand von Sandspit in Pakistan gefunden und maß 213 Zentimeter bei 650 Kilogramm Gewicht.
- Lederschildkröten tauchen tiefer als jedes andere Reptil – Tiefen jenseits von 1.000 Metern erreichen unter tauchenden Wirbeltieren sonst nur Schnabelwale und Pottwale.
- Auf ihrer Haut lebt der Rankenfußkrebs Conchoderma virgatum als Mitbewohner.
- Ein einzelnes Gelege kann bis zu 170 Eier enthalten, von denen jedoch viele dotterlos sind und sich nie weiterentwickeln.
- Ein besendertes Tier legte auf einer Nahrungswanderung vom indonesischen Papua bis in US-Gewässer rund 20.000 Kilometer in 647 Tagen zurück.
- Die Strände des Mayumba-Nationalparks in Gabun ziehen zwischen Oktober und April jährlich fast 30.000 Nistgänge an – vermutlich die größte bekannte Nistpopulation weltweit.
- Ein erwachsenes Tier verzehrt schätzungsweise 1.000 bis 3.650 Kilogramm Quallen pro Jahr.
Ökologie
Lebensraum
- Meeresbewohner
- Küstenbewohner
Ernährung
- Fleischfresser
Verhalten
- Räuber
- Einzelgänger
- Aquatisch
- Zugvogel
Fotos
QuellenGBIFiNaturalistWikidataWikipediaEncyclopedia of LifeAnimal Diversity WebAnAge

