Als einzige Eulenart mit überwiegend weißem Gefieder fällt die Schnee-Eule (Bubo scandiacus) selbst unter den großen Eulen der Welt aus dem Rahmen. Männchen wirken oft nahezu reinweiß, während Weibchen deutlich mehr dunkle Flecken und Bänderung zeigen – ein Unterschied, der bei Jungvögeln zunächst kaum erkennbar ist.
Sie gehört zur Familie der Strigidae und brütet vor allem auf der offenen Tundra der Arktis, von Nordkanada und Alaska bis nach Nordskandinavien und Sibirien. Die IUCN stuft die Art als gefährdet (Vulnerable) ein. Wer sich für Anpassungen an extreme Kälte, für weite Wanderungen und für ein Jagdverhalten interessiert, das sich deutlich von dem verwandter Bubo-Arten unterscheidet, findet in der Schnee-Eule ein besonders lohnendes Beispiel.
Identifikation und Erscheinungsbild
Das auffälligste Merkmal ist das überwiegend weiße Gefieder, das die Schnee-Eule reinweißer wirken lässt als selbst Eisbären oder Polarfüchse – im Feld wird sie deshalb oft für einen blassen Felsen oder einen Schneeklumpen gehalten. Die Vögel erreichen ein Körpergewicht von rund 2 Kilogramm und zählen damit zu den größten Eulenarten überhaupt.
Ohrbüschel fehlen scheinbar völlig, tatsächlich besitzt die Art aber winzige, etwa 20 bis 25 Millimeter lange Büschel aus rund zehn kleinen Federn, die vor allem brütende Weibchen gelegentlich aufstellen. Der Kopf ist relativ klein, die Gesichtsscheibe flach und die Augen leuchtend gelb. Ausgewachsene Männchen sind meist fast einfarbig weiß mit nur wenigen dunklen Punkten an Ohrbüscheln, Kopf und Flügelspitzen, während Weibchen deutlich stärker gefleckt und an Flanken sowie Oberbrust gebändert sind.
Die Unterscheidung der Geschlechter gelingt am zuverlässigsten über das Muster der Flügelzeichnung: Balken deuten eher auf ein Weibchen, Punkte eher auf ein Männchen hin, wobei sehr dunkle Männchen und sehr helle Weibchen kaum zu unterscheiden sind. Ob sich das Gefieder mit dem Alter aufhellt, ist nicht einheitlich geklärt – manche Vögel werden heller, andere dunkler, wieder andere verändern sich über Jahre kaum.
Junge Schnee-Eulen sind zunächst graulich-weiß, wechseln aber rasch in ein dunkles graubraunes Jugendkleid, das sie gegen die bunt gefärbten Flechten der Tundra tarnt. Beim Ausfliegen wirkt das Gefieder unregelmäßig dunkel gefleckt, mit weißen Augenbrauen und weißem Gesicht; erst nach dem vierten oder fünften Federwechsel ähneln die Jungvögel den Altvögeln.
Verbreitung und Lebensraum
Die Schnee-Eule brütet im zirkumpolaren Norden, meist nördlich des 60. Breitengrads, gelegentlich auch bis 55 Grad Nord, wenn Beutebestände sie dorthin drängen. Von den insgesamt gut 12 Millionen Quadratkilometern potenziellen Brutgebiets gilt nur etwa 1,3 Millionen Quadratkilometer als regelmäßig genutzt, mit Brutpausen von drei bis neun Jahren dazwischen. Kerngebiete liegen in Nordalaska, Nordkanada – vor allem im Arktischen Archipel – sowie in Teilen Nordskandinaviens und im arktischen Russland, etwa auf Nowaja Semlja, Sewernaja Semlja und Wrangelinsel.
Als Lebensraum bevorzugt die Art offene, baumlose Tundra mit Moosen, Flechten und Felsen, häufig mit leichten Erhebungen wie Hügeln, Graten oder Felsvorsprüngen, die als Ansitz dienen. Küstennahe Feuchtgebiete und Gezeitenflächen werden ebenfalls als Brutplatz genutzt, meist unterhalb von 300 Metern Höhe, in Gebirgslagen wie in Norwegen jedoch auch bis 1.000 Meter.
Im Winter verlassen viele Vögel die dunkle Arktis und ziehen südwärts, wobei die südliche Grenze des regelmäßigen Winterareals schwer zu bestimmen ist. Regelmäßige Überwinterungsgebiete reichen von Island, Irland und Schottland über Skandinavien bis nach Zentralrussland und Sachalin, in Nordamerika bis in weite Teile Kanadas. In sogenannten Invasionsjahren, meist nach besonders erfolgreichen Brutsaisons mit vielen Jungvögeln, ziehen Schnee-Eulen weit über dieses Gebiet hinaus, bis nach Texas, Florida oder sogar Hawaii.
Die monatlichen Beobachtungszahlen zeigen ein deutliches Muster mit den höchsten Werten im Dezember und Januar und einem starken Rückgang im August und September. Da es sich dabei um reine Anwesenheitsmeldungen handelt, lässt dies vorsichtig auf eine stärkere Sichtbarkeit außerhalb der Brutzeit schließen, etwa während der winterlichen Wanderungen, nicht jedoch auf die tatsächliche Bestandsgröße.

Verhalten und Lebensweise
Die Aktivität der Schnee-Eule richtet sich weniger nach Tag oder Nacht als nach dem Rhythmus ihrer wichtigsten Beute, den Lemmingen – die Art gilt daher als cathemeral, also potenziell zu jeder Tageszeit aktiv. In Norwegen liegt der Aktivitätsgipfel im arktischen Sommer zwischen 21 und 3 Uhr, auf Fetlar zwischen 22 und 23 Uhr, während in Alberta im Winter die Hauptjagdzeiten morgens zwischen 8 und 10 Uhr und abends zwischen 16 und 18 Uhr lagen; dazwischen verbrachten die Vögel bis zu 98 Prozent der Tagesstunden ruhend auf einem Ansitz.
Bemerkenswert ist die Kältetoleranz der Art: Sie wurde bei Temperaturen von minus 62,5 Grad Celsius ohne erkennbares Unbehagen beobachtet und überstand sogar eine fünfstündige Exposition bei minus 93 Grad Celsius, wobei gegen Ende offenbar Probleme mit der Sauerstoffversorgung auftraten. Ihre Gefiederisolation zählt zu den besten aller Vögel, übertroffen wohl nur vom Adeliepinguin, und steht Säugetieren wie Dallschafen oder Polarfüchsen kaum nach. An besonders kalten Wintertagen müsste ein Tier rechnerisch bis zu sieben Nagetiere täglich erbeuten, um zu überleben.
Anders als andere Bubo-Eulen verbringt die Schnee-Eule einen Großteil ihrer Zeit am Boden, meist auf leicht erhöhten Punkten, da ihr Skelettbau mit kurzen, kräftigen Beinen eher für flache Flächen als für ausgedauertes Sitzen auf Ästen geeignet ist. Bei der Balz zeigen Männchen einen wellenförmigen Flug mit abwechselnden Flügelschlägen und Gleitphasen, der in einem fast senkrechten Sturzflug zum Boden endet. Schwimmen kommt vor, meist aber nur bei verletzten Tieren oder wenn flugunfähige Jungvögel vor Fressfeinden ins Wasser fliehen.
Bei starkem Wind oder Sturm suchen sowohl Alt- als auch Jungvögel Schutz hinter Felsen. In der Zeit vor der Brut wechseln die Eulen zwischen der Suche nach geeigneten Nistplätzen und ausgedehnten Ruhephasen, wobei die Suche bei geringerer Schneedecke intensiver ausfällt.
Kommunikation
Der Gesang der Schnee-Eule unterscheidet sich deutlich von dem anderer Bubo-Arten und klingt eher bellend als hupend: Eine monotone Folge von meist zwei bis sechs rauen Lauten – krooh krooh krooh krooh – wird manchmal mit einem nachdrücklichen aaoow abgeschlossen, das an den Alarmruf der Mantelmöwe erinnert. Männchen rufen vor allem von einem Ansitz aus, gelegentlich auch im Flug, und nutzen den krooh-Ruf sowohl zur Abgrenzung von Rivalen als auch zur Balz gegenüber Weibchen. Insgesamt wurden bei erwachsenen Tieren bis zu 15 verschiedene Rufe dokumentiert.
Diese Rufe tragen in der dünnen arktischen Luft außergewöhnlich weit, nachweislich über mehr als 3 Kilometer, möglicherweise bis zu 10 oder 11 Kilometer. Weibchen rufen ähnlich, aber höher oder rauer und geben oft zweisilbige Einzellaute wie khuso von sich; bei Erregung äußern beide Geschlechter zudem Glucken, Quietschen, Grunzen, Zischen und Kreischen. Der Alarmruf ist ein lautes, krächzendes keeea, ergänzt durch einen raspeligen, als „Wächterrattern“ beschriebenen Laut, der als rick, rick, rick, ha, how, quack, quock wiedergegeben wird; verteidigende Weibchen stoßen dabei mitunter einen kräftigen ca-ca-oh-Ruf aus, während beide Geschlechter bei Bedrohung mit dem Schnabel klappern – wahrscheinlich tatsächlich ein Zungenklicken.
Junge Schnee-Eulen beginnen mit einem hohen, weichen Bettelruf, der sich nach etwa zwei Wochen zu einem kräftigen, kreischenden Schrei entwickelt. Verlassen die Jungvögel nach rund drei Wochen das Nest, helfen ihre schrillen Rufe den Müttern, sie im Gelände wiederzufinden.
Jagd und Ernährung
Ihre Beute erspäht die Schnee-Eule fast ausschließlich über das Auge, da ihr Gehör im Vergleich zu anderen Eulen weniger fein ausgeprägt ist – Versuche zeigen, dass sie Beutetiere aus bis zu 1,6 Kilometern Entfernung wahrnehmen kann. Anders als andere Bubo-Eulen jagt sie regelmäßig bei Tageslicht, vom Boden aus und fast immer im offenen, baumlosen Gelände. Bei Beobachtungen in Utqiaġvik erfolgten 88 Prozent von 34 registrierten Jagden von einem erhöhten Ansitz aus, meist von Hügeln oder Erdaufwürfen, seltener von Telefonmasten – ein Verhalten, das eher an einen Bussard erinnert, der lange bewegungslos wartet, bevor er zuschlägt.
Erkennt die Eule Beute, wechselt sie aus dem sonst langsamen, ruhigen Schlagflug abrupt in eine schnelle, beschleunigte Flugweise. In starkem Wind kann sie kurz rütteln, bevor sie auf ihre Beute herabstößt; verbreitet ist auch der „Sweep“, bei dem sie im Vorbeiflug zugreift, ohne zu landen, sowie ein stoßartiger, hoch wirkender „Wallop“-Angriff. Im Winter kann sie Beute im sogenannten subnivalen Raum unter mindestens 20 Zentimetern Schnee regelrecht „ausgraben“, und in seltenen Fällen jagt sie sogar zu Fuß, ohne überhaupt aufzufliegen.
Beim Fischfang wurde beobachtet, dass manche Tiere ähnlich wie ein Fischadler über dem Wasser rütteln, während ein anderes Individuum flach auf einem Felsen liegend an einem Eisloch auf Fische lauerte. Neben nachtziehenden Singvögeln und Watvögeln erbeutet die Schnee-Eule auch größere oder potenziell gefährliche Vögel im Flug und betreibt gelegentlich Kleptoparasitismus, indem sie anderen Greifvögeln ihre Beute im Flug abjagt. In Winterstudien aus Alberta dominierte fast ausschließlich die Ansitzjagd, wobei erwachsene Weibchen deutlich erfolgreicher jagten als Jungvögel.
Nestbau und Brut
Die Schnee-Eule brütet meist einzeln und überwiegend monogam: Von 239 untersuchten Brutversuchen in Utqiaġvik verliefen 232 monogam, nur sieben zeigten soziale Bigamie. Auf Baffin Island paarte sich ein Männchen mit zwei Weibchen und zog insgesamt elf flugfähige Jungvögel auf; in Norwegen brüteten zwei Weibchen desselben Männchens in Nestern, die 1,3 Kilometer voneinander entfernt lagen, und auf Fetlar in Schottland paarte sich ein Männchen zwischen 1967 und 1975 sogar mit einem jüngeren Weibchen, das möglicherweise seine eigene Tochter war.
Da das Angebot an Beutetieren wie Lemmingen stark schwankt, ist die Art ausgesprochen nomadisch und kann je nach Nahrungslage auch weit südlich ihres üblichen Brutgebiets nisten. Das Kerngebiet der Fortpflanzung liegt nördlich des 60. Breitengrads in der Tundra Nordalaskas, Nordkanadas und des arktischen Russlands, wobei nur ein kleiner Teil des gesamten potenziellen Areals tatsächlich regelmäßig – im Abstand von drei bis neun Jahren – zum Brüten genutzt wird.
Schnee-Eulen können ein Alter von bis zu 28 Jahren erreichen, was für eine Art mit stark schwankenden Beständen und häufigen Wanderungen ungewöhnlich hoch ist.
Schutz und Bedrohungen
Die Schnee-Eule wurde 2017 von der IUCN von einer Kategorie geringerer Gefährdung zu „gefährdet“ (Vulnerable) hochgestuft, nachdem sich herausstellte, dass frühere Bestandsschätzungen deutlich zu hoch angesetzt waren. Weltweit geht man heute nur noch von etwa 14.000 bis 28.000 brütenden Paaren aus – in Jahren mit eingebrochenen Lemmingbeständen kann die Zahl brütender Weibchen sogar auf nur 1.700 sinken. Für Nordamerika wird seit den 1960er-Jahren ein Rückgang von 52 Prozent angenommen, nach einer anderen Schätzung sogar 64 Prozent zwischen 1970 und 2014; auch in Skandinavien zeichnet sich ein ähnlicher Abwärtstrend ab, wobei die schwedische Art-Informationszentrale für die Rote Liste 2025 vorschlägt, die Schnee-Eule in Schweden als ausgestorben einzustufen, da seit 2015 keine Brut mehr nachgewiesen wurde.
Die Hauptbedrohung ist indirekt: Da Bestand und Bruterfolg eng an die Verfügbarkeit von Lemmingen und anderen Kleinnagern gekoppelt sind, wirken sich Veränderungen in deren Populationen unmittelbar auf die Eulen aus. Direkt vom Menschen verursachte Todesfälle spielen aber ebenfalls eine große Rolle: Von 438 ausgewerteten Ringfunden in den USA waren 11,9 Prozent erschossen worden, 7,1 Prozent durch Fahrzeuge getötet, weitere 5,5 Prozent tot oder verletzt an Straßen gefunden, 3,9 Prozent kollidierten mit Masten oder Leitungen, 2,7 Prozent verfingen sich in Tierfallen und 2,1 Prozent kamen bei Flugzeugkollisionen um. Solche Vogelschläge an Flughäfen sind vor allem in Kanada, aber wohl auch in Sibirien und der Mongolei ein bekanntes Problem, wenngleich bislang keine Todesfälle von Menschen durch Kollisionen mit Schnee-Eulen bekannt sind.
Die Art ist im Anhang II des Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES) gelistet, wodurch der internationale Handel mit lebenden Tieren und Teilen reguliert wird.
Schutzstatus
- LC
- NT
- VU
- EN
- CR
Gefährdet
Kulturelle Bedeutung
International bekannt wurde die Schnee-Eule vor allem durch die Romanreihe Harry Potter von J. K. Rowling und die zugehörigen Filme, in denen die Titelfigur eine weibliche Schnee-Eule namens Hedwig als Haustier besitzt. Die Popularität der Filme löste in den Medien Sorgen über einen möglichen Anstieg des illegalen Handels mit Schnee-Eulen aus; belastbare Belege für eine tatsächliche Zunahme konfiszierter Tiere gab es jedoch nicht, wenngleich Wildtierauffangstationen zeitweise mehr Schnee-Eulen als üblich meldeten.
In Kanada ist die Schnee-Eule – dort als harfang des neiges bekannt – das offizielle Vogelsymbol der Provinz Québec.
Wissenswertes
- Die Schnee-Eule ist die einzige Eulenart der Welt mit überwiegend weißem Gefieder.
- Ihre Gefiederisolation gilt als eine der besten aller Vögel und wird nur vom Adeliepinguin übertroffen.
- Sie überstand in Versuchen eine fünfstündige Kälteexposition von minus 93 Grad Celsius.
- Manche Tiere jagen Fische, indem sie wie ein Fischadler über dem Wasser rütteln oder flach auf einem Felsen an einem Eisloch lauern.
- Sie erbeutet gelegentlich Beute anderer Greifvögel, indem sie diese im Flug abjagt.
- Das individuelle Muster der Flügelzeichnung kann so einzigartig sein, dass sich einzelne Vögel daran wiedererkennen lassen.
- 1886 landete eine Schnee-Eule auf der Reling eines Dampfers über 800 Kilometer vor der nächsten Küste vor Neufundland.
Ökologie
Lebensraum
- Meeresbewohner
- Küstenbewohner
- Gebirge
- Tundra
Ernährung
- Fleischfresser
Verhalten
- Räuber
- Einzelgänger
- Zugvogel
- Dämmerungsaktiv

