Die Vogelkirsche (Prunus avium) ist der wichtigste Vorfahr der Kultursüßkirsche und gehört zu den Rosengewächsen. Ihre Heimat liegt in Westeurasien. Außerhalb davon wird sie vielerorts angebaut und hat sich in Nordamerika, Neuseeland und Australien verwildert.
Die Art wird von der IUCN als nicht gefährdet eingestuft. Sie gilt außerdem als ein Elternteil der Sauerkirsche (Prunus cerasus), die aus alten Kreuzungen mit der Zwergkirsche (Prunus fruticosa) hervorging.
Identifikation und Erscheinungsbild
Das auffälligste Merkmal ist die Blüte: Im frühen Frühjahr erscheinen fünf reinweiße Blütenblätter zugleich mit den neuen Blättern, zu zwei bis sechs in Doldentrauben beieinander.
Der Baum wird 5 bis 25 Meter hoch, sein Stamm erreicht bis 1,5 Meter Durchmesser. Junge Bäume wachsen mit geradem Stamm und symmetrischer, kegelförmiger Krone. Alte Bäume bilden eine runde bis unregelmäßige Krone aus.
Die Rinde junger Bäume ist glatt und rotbraun, mit auffälligen waagerechten graubraunen Lentizellen. Bei alten Bäumen wird sie dick, dunkel schwarzbraun und rissig.
Die Blätter sind wechselständig und einfach, 7 bis 14 Zentimeter lang und 4 bis 7 Zentimeter breit. Sie sind oberseits matt bis leicht glänzend grün und unterseits unterschiedlich fein behaart. Der Blattrand ist gesägt, an jeder Zähnung sitzt eine kleine rote Drüse. Im Herbst färben sie sich orange, rosa oder rot.
Die Früchte sind Steinfrüchte mit 1 bis 2,5 Zentimeter Durchmesser. Sie werden zur Sommermitte hell- bis dunkelrot oder dunkelviolett und schmecken frisch süßlich bis leicht herb und bitter. Im Inneren liegt ein harter Stein von 8 bis 12 Millimeter Länge.
Verbreitung und Lebensraum
Die Vogelkirsche ist in Europa, Anatolien, im Maghreb und in Westasien heimisch. Ihr Areal reicht von den Britischen Inseln bis nach Marokko und Tunesien, im Norden bis in die Region des Trondheimsfjords in Norwegen und im Osten bis in den Kaukasus und den Norden des Iran. Ein kleines, isoliertes Vorkommen gibt es im westlichen Himalaya.
Die Art wird in vielen anderen Regionen angebaut. Dort hat sie sich teilweise verwildert, unter anderem in Nordamerika, Neuseeland und Australien. Die meisten Beobachtungen fallen in die Monate Mai und Juni.

Ökologie und Wechselbeziehungen
Die Früchte werden von zahlreichen Vogel- und Säugetierarten gefressen. Die Tiere verdauen das Fruchtfleisch und verbreiten die Samen mit dem Kot. Einige Nagetiere und der Kernbeißer knacken zusätzlich die Steine, um den Kern zu fressen.
Die Blätter dienen einigen Schmetterlingsarten als Nahrung, darunter die Sackträgermotte Coleophora anatipennella.
An Wunden der Rinde gibt der Baum ein Harz ab, mit dem er die Verletzung verschließt und so Insekten und Pilzinfektionen abwehrt.
Nutzung und Bedeutung für den Menschen
Die Vogelkirsche wird als blühender Ziergehölz gepflanzt. Wegen ihrer Größe findet sie vor allem in Parkanlagen Verwendung, seltener als Straßen- oder Gartenbaum. Häufig begegnet man der gefüllt blühenden Form ‚Plena‘ statt der wilden einfach blühenden Formen. In Großbritannien erhielt ‚Plena‘ die Auszeichnung Award of Garden Merit der Royal Horticultural Society.
Die Früchte der Vogelkirsche gelten als Stammform der Kultursüßkirsche, die zusammen mit der Sauerkirsche den größten Teil der weltweit angebauten Essparten stellt. Wildkirschen wurden in Europa schon in der Bronzezeit genutzt und gehören seit mehreren tausend Jahren zur Nahrung der Menschen. Heute dient die Art in Europa der Aufforstung landwirtschaftlicher Flächen, und mehrere europäische Länder betreiben Generhaltungs- und Zuchtprogramme für die Wildkirsche.
Das harte, rötlichbraune Holz wird als Edelholz für Drechselarbeiten sowie für Schränke und Musikinstrumente geschätzt. Bei Hochzeiten werden Kirschblüten verwendet, sie stehen für Reinheit, Neubeginn und die Hoffnung auf eine fruchtbare Verbindung.
Wissenswertes
- In der griechischen Mythologie galten Kirschen als Sinnbild für Liebe und Fruchtbarkeit. Einer Sage nach wuchs der erste Kirschbaum aus dem vergossenen Blut des Adonis.
- Im alten irischen Rechtssystem wurde die Vogelkirsche hoch geschätzt. Sie gehörte zum zweithöchsten Rang der „Commoners of the Wood“.
- Der römische Schriftsteller Plinius glaubte, die Kirsche sei erst durch den Feldherrn Lucullus nach Italien gebracht worden. Archäologische Funde von Samen aus dem prähistorischen Europa widerlegen diese Annahme.
Fotos
Fotos von via iNaturalist, licensed under CC0 1.0., by guywallbanks via iNaturalist, licensed under CC BY 4.0., by Jose Gutierrez Higa via iNaturalist, licensed under CC BY 4.0. und by Murray McGoogan via iNaturalist, licensed under CC BY 4.0., mit Namensnennung bei jedem Bild.
Ökologie und Klassifikation
Wuchsform
- Baum
Klassifikation
- Stamm
- Tracheophyta
- Klasse
- Magnoliopsida
- Ordnung
- Rosales
- Familie
- Rosaceae
- Gattung
- Prunus
- Art
- Prunus avium
Quellen
- GBIF Species names and classification
- iNaturalist Photos
- Wikidata Common names and conservation status
- Wikipedia Summary extract


